Unser Windelfrei Baby

Die Steinzeit wird oft als Begründung herangezogen, wenn es um das Zusammenleben von Mann und Frau und deren Aufgabenverteilung geht. Dabei ist eigentlich bis heute nicht richtig klar, wie die Menschen damals gelebt haben. Allerdings macht es ziemlich viel Sinn, sich beim Thema Sauberkeit von Babys mal mit der Steinzeit zu befassen. Denn eines steht fest: Pampers gab es damals noch nicht. Kinder wurden also „Windelfrei“ erzogen. Trotzdem war vermutlich nicht permanent alles vollgekackt und vollgepinkelt. Denn das wäre wohl für das Zusammenleben mit einem Baby nicht gerade förderlich gewesen…

Das Prinzip Windelfrei

Die Antwort ist: Man hat die Babys abgehalten. Und zwar dann, wenn sie Pipi oder Kacka machen müssen. Das klingt zunächst erstaunlich, wissen wir doch alle, dass selbst größere Kinder „Unfälle“ haben und gelegentlich etwas in die Hose geht. Wie soll das Sauberkeitstrainig dann mit Babys funktionieren???

Die Theorie ist, dass die Säuglinge ab ihrer Geburt ein natürliches Bedürfnis haben, die eigene Umgebung sauber zu halten. Mit Umgebung sind gemeint: Der Schoß der Mutter oder der Person, die das Baby hält und trägt, die Unterlage, auf der das Baby liegt und die Schlafstätte.

Dass ein Baby Wasserlassen oder Kacken muss, kann man ihm in den allermeisten Fällen ansehen. Jedes Kind hat individuelle Zeichen. Manche Babys machen einen bestimmten Laut, wenn die Blase voll ist, andere krümmen sich oder werden unruhig. Die Herausforderung für die Eltern (oder die Betreuungspersonen) ist es, die Zeichen zu erkennen und im Alltag zu beachten.

Das erfordert Übung und klappt nicht immer. Wer sich dafür entscheidet, sein Baby windelfrei zu erziehen, entscheidet sich also in der Regel auch für viel Wäsche und viel wischen…

Mein Weg zu windelfrei

Beim Entlassungsgespräch im Krankenhaus nach der Geburt unseres ersten Kindes habe ich von der Frauenärztin erfahren, dass man Kinder auch ohne Windeln erziehen kann. Ich hörte damals zum ersten mal davon. Ganz interessiert habe ich dann im Wochenbett die beiden Bücher gelesen, die sie mir empfohlen hat:

Leider hat unser Sohn seinen Harndrang überhaupt nicht angezeigt. Oder wir haben einfach die Signale nicht richtig gedeutet. Keine Anhnung. Jedenfalls hatten wir überhaupt keinen Erfolg und haben bald wieder aufgehört, das kleine Würmchen ständig über das Waschbecken zu halten.

In der zweiten Schwangerschaft habe ich dann das Buch artgerecht gelesen und mich dadurch wieder an unsere ersten Windelfrei-Versuche erinnert. Angeregt durch dieses Buch habe ich mir vorgenommen, das zweite Kind wenigstens in sogenannten Standardsitiationen auf Verdacht abzuhalten: Nach dem Stillen und nach dem Schlafen. Sehr viele Babys müssen nämlich genau dann Pipi oder Kacka.

Unser windelfreies Baby

Schon ein paar Stunden nach der Geburt hatte ich das erste mal Erfolg. Unsere kleine Tochter bewegte sich ganz komisch in ihrem Bettchen neben mir und ich probierte es einfach aus. Die Zimmernachbarin war völlig von den Socken, als sie die phänomenale Kackwurst sah, die meine Kleine dann wie auf Komando fabriziert hat. Dabei war es ja eigentlich andersherum: Sie hatte mir das Kommando gegeben: Halte mich ab, ich muss mal!

Beflügelt von diesem Erfolg habe ich seitdem meistens Glück. Es gibt schlechte Tage, an denen das meiste daneben geht oder eben in die Windel, die ich ihr zur Sicherheit anziehe. Aber viele male am Tag halten wir sie über eine kleine Schüssel, über das Waschbecken oder ins Gebüsch. Es klingt total komisch, aber das macht richtig Spaß.

Die kleine Frida ist ein wunderbar entspanntes Kind. Das kann viele Gründe haben. Aber ich denke, ein Grund für ihre ruhige Art ist, dass wir so toll mit ihr Kommunizieren können. Denn wir erkenne nicht nur ihren Harndrang an ihren Bewegungen, sondern auch Müdigkeit und Langeweile und können entsprechend darauf reagieren. Das macht das Leben mit einem Säugling so viel einfacher! Und darüber bin ich sehr glücklich. Ich denke, dass vor allem Windelfrei diese gute Kommunikation gefördert hat.

Der Unterschied von Windel-Babies und Windelfrei-Babys

Dass diese Variante der Sauberkeitserziehung „Windelfrei“ heißt, ist eigentlich irreführend. Die allermeisten Windelfrei-Kinder tragen trotzdem Windeln. In der Szene der Windelfrei-Eltern heißt das dann „Backup“. Das ist einfach zur Sicherheit, denn es geht öfter mal was daneben. Auch wir sparen eigentlich keine Windeln ein, denn unsere kleine macht zemlich oft einen „feuchten Pups“, so dass man die Windel auch entsorgen, bzw. waschen muss…

Doch das Abhalten steht im Vordergrund. Das führt dazu, dass Windelfrei Kinder stets Kleidung tragen, die man schnell ausziehen kann – zumindest untenrum. Bodies sind also in der Szene nicht so verbreitet. Oder werden entsprechend umgenäht. Viele Windelfrei Eltern verwenden als Backup Stoffwindeln, da bei ihnen der Umweltgedanke (Wegwerfwindeln sparen) im Vordergrund steht. Wir selbst verwenden abwechselnd Stoffwindeln und Wegwerfwindeln. Je nach dem, wo wir gerade sind und wie es für uns praktisch ist. Wir machen da kein Dogma draus.

Windelfrei Babys sind häufig entspannter als andere Babys, weil sie besser mit ihren Eltern kommunizieren. Auch heißt es, dass Blähungen und Verstopfungen seltener sind, da die Verdauung und das Ausscheidungssystem nicht als etwas Ekeliges und Nerviges betrachtet werden sondern als etwas, das die Familie mit Spaß begleitet.

Die ganze Familie macht bei Windelfrei mit

Überhaupt ist Spaß ein wichtiges Thema, wenn man sein Baby windelfrei erziehen möchte. Es klappt nur, wenn beide Eltern (und im Idealfall auch die anderen Bereuungspersonen) das Prinzip unterstützen. Man muss einfach Lust darauf haben, das Kind genau zu beobachten. Man muss sich auf die Wäscheberge einlassen, die sich ziemlich sicher anhäufen werden. Und man muss tough sein, denn einer Windelfrei-Familie werden unweigerlich viele Fragen, Vorurteile und sogar Verachtung entgegen schlagen. Unsere Gesellschaft hat sich einfach so sehr an die Wegwerfwindeln gewöhnt, dass nichts anderes mehr vorstellbar scheint.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. […] brauchen keine Windeln! Diese erstaunliche Tatsache habe ich bereits letztens in meinem Text windelfrei hier im Blog berichtet, als ich beschrieben habe, wie wir unsere Tochter (4 Monate) über das […]

  2. Hallo, unser Sohn ist auch extrem zufrieden (was andere als ruhig interpretieren), hatte nur in der ersten Lebenswoche Koliken (der Grund warum ich mit abhaltne begann) und unsere Beziehung ist sehr innig, fast schon inniger, als mit meinem ersten Kind, als es noch ein Baby war. Dieser Text ist mir aus der Seele geschrieben! Immer diese ungläubige Gesichter, wenn ich uns kurz entschuldige und sie das Abhalten mitbekommen. Mittlerweile hat sich mein Umfeld daran gewöhnt und die eine oder andere werdende Mami möchte es auch ausprobieren.
    Für mich macht es nur Sinn all die Signale meiner Kinder zu lesen und darauf zu reagieren. Nur weil Ausscheidugen ein Tabuthema, versteckt hinter Windeln sind, muss mein Kind schmutzig mit seinen Fäkalien am Schambereich herumliegen? Für mich geht das schon fast in die Körperverletzung. Aber ich mache mir auch keinen Stress deswegen. Wenn mein Sohn anzeigt, halte ich ihn ab. Unabhängig davon wechsle ich die Stoffwindeln spätestens nach 2 Stunden, ausser sein grosses Geschäft überrascht ihn. Interessanterweise weigert er sich meistens nur seinen Pipi ins Töpfchen zu machen. Nur mit dem grossen Geschäft ist es ihm egal wenn auch einer kommt. Wie macht ihr es mit dem Abhalten? Möglichst jede Ausscheidung, oder nur wenn es das Kind anzeigt?
    Liebe Grüsse
    Lucy

    • Hoa Mi Nguyen sagt: Februar 21, 2018 at 12:27 pm

      Hallo Lucy, vielen Dank für deinen Kommentar. Unsere Lisa arbeitet mittlerweile nicht mehr bei uns und kann deshalb keine Fragen zu alten Artikeln beantworten. Du kannst sie aber gerne auf ihrem persönlichen Blog folgen und da fragen: https://meetshaus.de/

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