Unmöglichkeiten

Das Leben von Eltern ist hart, keine Frage. Doch warum kommen wir eigentlich alle auf dem Zahnfleisch daher? Liegt es daran, dass wir einfach zu doof, zu unmotiviert und zu wenig diszipliniert sind, um Familie, Job und Leben auf die Reihe zu kriegen?

Buch über Vereinbarkeit: Geht alles gar nicht!

Geht alles gar nicht

Nein, sagen Marc Brost und Heinrich Wefing in ihrem Buch „Geht alles gar nicht“. Sie schreiben darüber „warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können“.

Stück für Stück dröseln die beiden Autoren – selbst Väter – auf, was uns das Leben als Eltern so schwer macht. Da geht es um Arbeitszeiten und unfreundliche Chefs, da geht es um Familienpolitik und den Kapitalismus. Außerdem geht es auch um die Liebe und die Partnerschaft der Eltern. Zu letzterem habe ich bisher noch in keinem Buch sinnvolle Aussagen gefunden.

Das Buch liefert kaum Lösungen, sondern klagt an. Aber es hilft trotzdem ungemein, es zu lesen. Denn wer versteht, dass er kein individueller Versager, sondern ein Opfer mieser Strukturen ist, kann seine Situation besser begreifen und annehmen. Finde ich jedenfalls. Insofern kann man „Geht alles gar nicht“ durchaus als Balsam für die Seele verstehen.

Die überforderte Generation

Klar, war früher alles schwieriger. Es gab schließlich Hungersnot, keine Waschmaschinen und prügelnde Lehrer. Doch auch wir Eltern von heute dürfen ruhig mal jammern. Brost und Wefing analysieren: Wir sind die überforderte Generation. Schließlich müssen wir uns gleichzeitig mit drei großen neuen Herausforderungen herumschlagen:

  • Globalisierung
  • Digitalisierung
  • Gleichberechtigung

Jedes Thema für sich ist bereits anstrengend genug, um einen an den Rand der Belastbarkeit zu bringen. Müssen doch fast alle Tätigkeiten, Handgriffe und Pläne völlig neu verhandelt und ganz anders durchgeführt werden, als wir es von unseren eigenen Eltern kennen.

Wir wollen, dass endlich zur Kenntnis genommen wird, dass die alten Rollenmodelle sich auflösen, aber noch keine neuen an deren Stelle getreten sind. Jedenfalls keine, die funktionieren. Und wir wollen, dass endlich klar wird, was das bedeutet: Stress.

Geht alles gar nicht, Seite 63 f.

 Wochenarbeitszeit pro Familie

Eine wichtige Erkenntnis waren für mich die Überlegungen zum Familieneinkommen. Die Autoren stellen fest, dass in den 50er Jahren ein Alleinverdiener mit einer wöchentlichen Arbeitszeit von 48 Stunden seine Familie gut ernähren konnte. Heute sind dafür etwa 72 Stunden nötig. Das bedeutet, dass in einer durchschnittlichen Familie 1,5 Vollzeitstellen nötig sind, um einen guten Lebensstandard zu halten.

Vordergründig steht die zusätzliche Zeit für die Erwerbsarbeit zur Verfügung, weil den Hausfrauen durch die vielen tollen Geräte so viel Arbeit abgenommen wird. Sie müssen nun nicht mehr den ganzen Tag am Waschbrett stehen und Geschirr spülen, sondern können sich nun auch (zumindest halbtags) den Gesetzen des Kapitalismus unterwerfen.

Vereinbarkeit ist eine Bitch

Ich selbst erlebe genau das Durchschnittsmodell, von dem Brost und Wefing in ihrem Buch berichten: Die Versorger-Ehe mit zwei Kindern. Weder mein Mann noch ich wollten dieses Modell leben. Doch der Kapitalismus, das Ehegattensplitting und die ungleiche Behandlung von Männern und Frauen in der Arbeitswelt haben uns in diese Norm gepresst.

Nun kann ich im Moment noch von Glück reden, denn meine Kinder sind noch zu klein für zeitraubende Hobbies und brauchen auch noch keine Unterstützung bei den Mathe-Hausaufgaben. Doch auch diese Zeit wird kommen. Und auch wir werden uns krumm machen, um Kindergarten-Schließzeiten und Schulferien irgendwie abzudecken. Auch wir werden Klassenfahrten finanzieren müssen und irgendwann unsere Eltern pflegen.

Das Buch „Geht alles gar nicht“ von Marc Brost und Heinrich Wefing ist bei rohwolt erschienen und kostet 16,95€. Wir danken dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplares.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

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