Warum faszinieren mich die RTL II Teenie-Mütter so?

Gastbeitrag von Dr. Katja Heumader

Ich bin von mir schockiert. Ich riskiere einen Streit mit meinem Mann – der banale Grund: Teenie-Mütter oder Champions League (Bayern gegen Barcelona!)? Trash-TV gefährdet den Frieden in meiner Ehe. Geht’s eigentlich noch?! (Genau das hat mein Mann übrigens auch gesagt. Er hat sich durchgesetzt. Es läuft Champions-League, noch steht es 0:0 und ich schreibe diesen Blog-Artikel. Zur besten Teenie-Mütter-Sendezeit).

Teenie Mütter

Bildmaterial zur Sendung von RTL2: Wenn Kinder Kinder kriegen.

Ich habe studiert, bin promoviert, arbeite als Online-Redakteurin und stehe mit beiden Beinen im Leben. Ich bin Mutter und 30 Jahre alt, meine Tochter wird bald zwei. Für heutige Stadt-Verhältnisse zwar schon noch eine eher junge Mutter, aber definitiv keine Teenie-Mutter. Identifikationspotenzial haben die Teenie-Mütter also nicht für mich. Zumindest auf den ersten Blick.

Trash-TV ist mir normalerweise ein Graus. Bei „Bauer sucht Frau“ muss ich nach wenigen Minuten umschalten, weil mir die öffentliche Zur-Schau-Stellung von geistig und sozial Benachteiligten körperliches Unbehagen bereitet. Den Bachelor halte ich für blanken Sexismus, weil Frauen hier nur als willige Objekte dargestellt werden, deren Lebenssinn darin besteht, schön zu sein und einen Mann abzukriegen.

Aber die Teenie-Mütter könnte ich mir in Endlos-Schleife anschauen. Mandy, die mit 18 ihr zweites Kind erwartet, von dem sie (wie auch vom ersten) den Vater nicht eindeutig weiß. Leonie und Tim, die zusammen mit ihren beiden Söhnen (geboren im Abstand von 14 Monaten. Leonie ist 19.) in einem 11-Quadratmeter-Zimmer im Dachgeschoss von Tims Eltern wohnen. Und so weiter und so weiter. Was geht in mir vor, wenn ich das anschaue? Ich ertappe mich bei Gedanken wie: „Schon das zweite Kind mit 19 – wie kann man so doof sein?“ Oder, beim Anblick der Tapete, die von den Wänden hängt „Wie sieht es denn da aus?“ Wenn der Teenie-Vater enttäuscht ist, weil er seine Rap-Karriere an den Nagel hängen muss, um die Miete ranzuschaffen, löst das bei mir einen Lachanfall aus.

Trotzdem: Die Probleme, die die Teenie-Mütter haben, sind oft die gleichen wie die „normaler“ Mütter: Zoff mit dem Partner über die häusliche Aufgabenteilung, Stress wegen schreiender Babys, Gereiztheit wegen schlafloser Nächte. Nur sind ihre Probleme meistens gravierender: Zusätzlich zum Alltagsstress, müssen sie auch noch ihre Ausbildung stemmen, ihren Schulabschluss nachholen, dem Partner in den Hintern treten, damit er nicht bis 12 Uhr mittags im Bett bleibt. Da fühlen wir uns gleich besser, mit unseren Problemen, die nur noch halb so schlimm erscheinen.

Und: Die Teenie-Mütter legen einen unschönen Charakterzug frei, den leider die meisten Mütter haben. Wir vergleichen uns mit anderen Müttern / Frauen. Wir halten unser Modell für das allerbeste. Tragen oder Kinderwagen, Job oder Hausfrau, Kita oder zu Hause betreuen, Beikost mit vier oder mit sechs Monaten, schreien lassen oder nochmal aus dem Bett nehmen – alle Entscheidungen werden ideologisch aufgeladen. Unterhalte ich mich mit befreundeten Müttern, kritisiere ich sie zwar nicht – aber ich denke mir oft meinen Teil. Umgekehrt wahrscheinlich genauso. Und genau das kann ich ausleben, wenn ich die Teenie-Mütter anschauen: Laut pöbelnd kann ich meine Meinung ins Wohnzimmer rufen! Ein Ventil für Besserwisserei! Immer noch besser, als es den Müttern in meinem sozialen Umfeld an den Kopf zu werfen. So gesehen: Die Teenie-Mütter sorgen dafür, dass ich noch Freundinnen habe. Danke RTL II.


Gastartikel

Kommentare

  1. […] Mein Exemplar des Buches wird meine eigene Mami-Freundin Katja bekommen. Sie steht auf Trash, wie sie erst kürzlich hier im Blog beschrieben hat: RTL2 Teenie Mütter – Wenn Kinder Kinder kriegen. […]

  2. […] Haus Hof Kind […]

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