Reiche Vollzeit-Mütter – eine teilnehmende Beobachtung

Reiche Vollzeit-Mütter: Die Primaten von der Park Avenue

Reiche Vollzeit-Mütter: Die Primaten von der Park Avenue

Wednesday Martin beschreibt, wie sie ganz wissenschaftlich, sozusagen als teilnehmende Beobachterin, das Leben der Frauen erforscht hat, die an der Upper East-Side in New York leben: Die Mütter der Park Avenue. Für mich, selbst Mutter und studierte Soziologin, ein Bericht, der so viel spannender ist als jeder Krimi.

Sie verwendet Begriffe wie Population und Spezies und zieht immer wieder humorvolle aber wissenschaftlich korrekte Vergleiche zu Eingeborenen Völkern und verschiedensten Affenkolonien um das menschliche Verhalten zu erklären.

Durch ihre Vergleiche zwischen Primaten und Park-Avenue-Hausfrauen in Bezug auf die Aufzucht und Pflege des Nachwuchses, der Beschreibung von Hierarchien und der Bedeutung von Schönheit aus biologischer Sicht wird Die Primaten von der Park Avenue zu einem vergnüglichen populärwissenschaftlichen Buch, bei dem man auf jeder Seite entweder schmunzeln oder Augenrollen muss.

Mütter im sozialen Gefüge

Unweigerlich fragt man sich, welche Codes Wednesday Martin hier bei uns, unter den Müttern im beschaulichen Augsburg entschlüsselt hätte, hätte sie ein paar Jahre auf unseren Spielplätzen und in unseren WhatsApp Gruppen verbracht.

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Diese Lektüre geht nicht spurlos an einem vorüber. Wenn sie zum Beispiel seitenlang beschreibt, welche Mutter welche andere Mutter morgens im Kindergarten mit welchem Grad an Be- oder Missachtung bedenkt und warum, dann färbt das ab. Auch mir fällt plötzlich auf, dass mich manche Mütter beim Abholen der Kinder freundlich grüßen, die meisten aber nicht. Dahinter verbirgt sich vermutlich auch ein Code der Zugehörigkeit. Wer ist am längsten dabei? Wessen Kinder sind nachmittags zum Spielen verabredet? Wer backt den besten Geburtstagskuchen? Ich weiß nun jedenfalls, dass es nicht um mich persönlich als Mensch geht.

Und das alles passiert, obwohl wir mit unserem großen Kind in einer sehr heterogenen Einrichtung sind. Im Kindergarten unseres Sohnes gibt es viele Kinder aus anderen Ländern, sie haben unterschiedliche Hautfarbe und kommen aus unterschiedlichen Milieus. Die Mütter der Park Avenue scheinen sich nur dadurch zu unterscheiden, ob ihre Männer reich, superreich oder mega reich sind. Und trotzdem (oder gerade deshalb) arbeiten sie kontinuierlich an der Festlegung der Hierarchie untereinander.

Der Handtaschen-Code der Park Avenue Mütter

Wenn Wednesday Martin 34 Seiten über die Birkin Bag schreibt und kein einziges Wort davon unnötig oder übertrieben ist (das sage ich als jemand, der sich niemals eine Birkin Bag wird leisten können), dann beginnt man zu erahnen, wie entscheidend die Garderobe in diesem sozialen Gefüge ist. Ich selbst kenne die Namen der meisten Designer, die Martin erwähnt, nur von der Serie Sex and the City. Meine Garderobe stammt aus Second Hand Läden oder dem Versandhaus. Aber ich frage mich, welche Codes es unter den Müttern unseres Viertels gibt…

Natürlich ist man nach dieser Lektüre versucht, auch im eigenen Umfeld weitere solcher Codes zu entdecken. Aber wenn man selbst seit langer Zeit in der Gesellschaft seine Rolle spielt, so kann man irgendwann nicht mehr unterscheiden, ob man sich so verhält, wie man es möchte oder so, wie es die gesellschaftlichen Normen vorgeben. Mann, wenn ich es mir recht überlege, dann könnte dieses Buch  einen sogar in eine existenzielle Sinnkrise stürzen…

It’s all about the money

Eines steht allerdings fest: Nach der Lektüre von Die Primaten von der Park Avenue kann sich keine Frau der Welt (die ernsthaft bei Verstand ist) wünschen, mit einer dieser reichen Mütter tauschen zu wollen. Geld allein macht eben nicht glücklich. Das wurde noch nie so herrlich genau seziert, wie von Wednesday Martin.

Da sind zum Beispiel ihre kapitalismuskritischen Beobachtungen dazu, was für einen Stress es verursacht, die Wahl zu haben. Von Handtasche bis Privatkindergarten – jede Entscheidung beeinflusst den sozialen Rang. Es gibt keine Entspannung. Das ganze Leben ist Stress. Stress macht krank und unzufrieden. Und Stress verzögert unter Umständen sogar den Eisprung. Ich meine… wtf?!?

Die Feministin in mir interessiert sich natürlich besonders für die Rollenverteilung an der Park Avenue. Wednesday Martins Beobachtung: Die Frauen sind vollständig abhängig von ihren Männern. Nicht nur in finanzieller Hinsicht (seine Karriere entscheidet über das Wohl und Wehe der Familie; ihre Karriere sind die Kinder) auch in sozialer. Scheidung bedeutet gesellschaftliche Stigmatisierung. Und die überleben diese Frauen nicht, weil sie ihr komplettes Dasein darauf ausgerichtet haben, nach den Regeln der Hierarchie zu spielen. Also ist Scheidung keine Option. Punkt. Was das für die Qualität einer Ehe bedeutet, kann sich jeder selbst überlegen.

Mütter auf High Heels und was man von ihnen lernen kann

Ich kann das Buch wärmstens empfehlen und bin gespannt darauf, welche Codes ihr unter den Eltern in Eurer Population entdecken werdet…

Das Buch Die Primaten von der Park Avenue von Wednesday Martin ist im Berlin Verlag erschienen und kostet 16,99€.

Content Note: das Buch enthält die Beschreibung einer Fehlgeburt

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. […] Soziologin solche teilnehmenden Beobachtungen liebe (ich habe ja erst kürzlich das Buch über die superreichen Mütter der New Yorker Upperclass gelesen). Ein Erziehungsratgeber ist dieses Buch meiner Meinung nach nicht. Eher ein amüsanter […]

  2. Lisa, dann gefällt dir sicherlich auch die Serie „Odd Mom Out“ mit der großartigen Jill Kargmann. Gibt es bei iTunes und ist sehr unterhaltsam.

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