Kindheit ohne Papa

Jeanette Hagen: Die verletzte Tochter

Jeannette Hagen: Die verletzte Tochter

Bei der Gestaltung des Titels hat der Verlag daneben gegriffen. „Die verletzte Tochter“ sieht eher aus wie ein schlechter Krimi, als ein Bericht darüber, was Vaterlosigkeit mit Kindern macht. Aber ich bin sehr froh, dass ich dieses Buch von Jeannette Hagen trotzdem aufgeschlagen habe.

Wie Vaterentbehrung das Leben prägt

„Die verletzte Tochter“ enthält viele persönliche Berichte der Autorin Jeannette Hagen. Man erfährt wie sie selbst den fehlenden Vater wahrgenommen hat und welche Schwierigkeiten für Sie aus seiner Abwesenheit entstanden sind. Damit sind zum Beispiel Probleme bei den eigenen Beziehungen gemeint, aber auch eine gewisse Ziellosigkeit im Leben und im Beruf.

Der weitaus größere Anteil in diesem Buch sind aber psychologische Analysen und Erklärungen für Verhaltensmuster. Diese werden bei Kindern durch die Abwesenheit des Vaters verändert – im Vergleich zu Kindern, die mit beiden Elternteilen aufwachsen. Es spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, ob der Vater verstorben, durch Trennung der Eltern verschwunden oder durch eine Adoption nicht bekannt ist. Wichtiger ist, wie die Mutter und der Rest der Familie mit dem Thema umgehen.

Leser von „Die verletzte Tochter“ erhalten tolle Anregungen:

  • Erkennen, welchen Einfluss der fehlende Vater auf das eigene Leben hat
  • Das eigene Verhalten und Erleben verstehen und Auswege aus destruktivem Verhalten finden
  • Hilfe bei der Abwägung, die Suche nach einem verschollenen Vater zu starten oder nicht
  • Anregungen für alleinerziehende Mütter im Umgang mit der Vaterlosigkeit der Kinder
  • Verständnis bei der Familie für das eigene Erleben der Vaterlosigkeit einfordern

Ein komplettes Kapitel widmet Hagen den verschiedenen Therapieformen, die bei dem Umgang mit Vaterlosigkeit helfen können. So beschreibt sie ihre eigenen Erfahrungen und die grundsätzliche Funktionsweise von Einzeltherapie, Gruppentherapie, Gestalttherapie, Arbeit mit Träumen, Heldenreise und dem Schreiben als Selbsttherapie.

An wen richtet sich „Die verletzte Tochter“?

Auf einer der ersten Seiten erwähnt sie, dass der Leser sicher einen guten Grund hat, dieses Buch in die Hand zu nehmen. Das stimmt auch bei mir. Insofern war mein Interesse als Leserin hier besonders groß. Doch man sollte nicht davon ausgehen, dass sich „Die verletzte Tochter“ nur an die Kinder wendet, die ohne Vater aufgewachsen sind. Vielmehr ist dieses Buch auch für die Mütter solcher vaterloser Kinder, für deren Partner und Nachkommen geeignet. Die Beschränkung auf die vaterlosen Töchter durch den Buchtitel halte ich für unnötig. Auch Männer finden hier viele Anregungen und Erklärungen für Ihr eigenes Leben.

Indem Jeannette Hagen darüber schreibt, was die Abwesenheit des Vaters für ein Kind bedeutet, erfährt man natürlich ebenso viel darüber, was die Anwesenheit des Vaters ausmacht. So kann man „Die verletzte Tochter“ auch als wertvollen Erziehungsratgeber lesen, der Vätern hilft, die große Bedeutung im Leben ihrer Kinder zu verstehen und ihre Rolle wahrzunehmen.

Meinem Empfinden nach kommt dieses Buch ohne besserwisserische Ratschläge aus. Alleinerziehenden werden hier keine Vorwürfe gemacht (wie man vielleicht befürchten könnte). Ich halte „Die verletzte Tochter“ für ein sehr konstruktives und hilfreiches Buch. Die Voraussetzung ist natürlich, dass man selbst gewillt ist, sich mit der eigenen Kindheit und Familiengeschichte zu befassen. Wer davor Angst hat, sollte lieber die Finger von Hagens Ratgeber lassen.

Das Kapitel über die Ursachenforschung für Vaterentbehrung hätte Hagen sich allerdings sparen können. Die wirre Kritik am Feminismus und die angstvolle Warnung vor den „Mamimann, der auf Spielplätzen durch den Sand rutscht und den Waschlappen aus der Tupperdose holt, um dem Kind den Mund abzuwischen“ halte ich persönlich für Quatsch. Mir ist nicht klar, was an so einem Mann furchteinflößend sein soll… Auffällig auch, dass dieses das einzige Kapitel ist, in dem sich die Autorin nicht zu Beginn an mit ihrer persönlichen Geschichte zu Wort meldet. So entgeht sie mehr oder weniger geschickt einer eigenen Positionierung. Zumal gerade beim Thema Gleichberechtigung ja immer zwei dazu gehören und sie ihren Ehemann aus dem kompletten Buch fast vollständig heraus hält.

Dass auch Jeannette Hagen die aktuelle Gesetzgebung bei Umgangs- und Sorgerecht nach Scheidungen kritisch sieht ist keine Überraschung. Diesen Punkt in diesem Buch noch einmal anzusprechen macht Sinn. Lesenswert dazu auch die Streitschrift „Lasst Väter Vater sein“ von Barbara Streidl, welche wir kürzlich hier im Blog vorgestellt haben.

Die verletzte Tochter“ von Jeannette Hagen ist im Verlag SCORPIO erschienen und kostet 16,99€. Wir danken dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplares. Mehr über die Autorin kann man auf Ihrer Webseite erfahren.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

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