Mein Kind ist Kommunist!

Auf die Frage fremder Menschen, ob ihr Sohn Autist sei, antwortet Elena Pirin: „Nein, er ist Kommunist.“

Was hat denn Ihr Kind?

Elena Pirin: Mein Löwenkind

Elena Pirin: Mein Löwenkind

So lustig diese Episode aus ihrem Buch „Mein Löwenkind“ klingt, so anstrengend ist doch der Alltag mit dem kleinen Leo. Leo ist nicht so normal wie andere Kinder. Erst langsam, im Laufe seiner ersten Lebensjahre, stellt sich heraus, dass sein Kleinhirn bei der Geburt beschädigt wurde. Welche Auswirkungen genau das hat, das lernen seine Eltern erst mit der Zeit, denn eine klare Diagnose zu bekommen ist schwierig.

In Pirins Buch hat mich das am meisten beeindruckt. Als Außenstehender meint man ja schnell, eine Behinderung ließe sich genau benennen. Jemand ist halt Blind oder kann nicht laufen. Klar, sieht man doch. Aber bei Leo ist das eben nicht so eindeutig. Deshalb müssen seine Eltern erst ausprobieren, welcher Kindergarten zu ihrem Sohn passt und ob er in einer Regelschule oder in einer Sprachlernschule besser aufgehoben ist. Wirklich helfen will den Eltern keiner. Sie müssen alles selbst herausfinden. Selbst die Diagnosemethoden müssen sie den Ärzten vorschlagen – und nicht andersherum.

Dabei diskutieren Elena Pirin und ihr Mann, selbst Arzt, häufig darüber. Die Fragen lauten zum Beispiel: Müssen wir wissen, was unser Sohn hat? Was würde das ändern?

Das B-Wort. Ist das Kind behindert?

Abgesehen von den vielen Begegnungen und Alltagsberichten, über die Pirin schreibt, fand ich den Punkt mit der Diagnose – oder besser den Diagnosen – besonders spannend. Die Thematik zieht sich durch das gesamte Buch und wird wohl auch in Bezug auf den echten kleinen Leo, der heute 10 Jahre alt ist, warscheinlich erstmal nicht so schnell beendet sein. Das führt zu so einem seltsamen Schwebezustand. Ist der Junge nun förderberechtigt oder nicht? Die Krankenkasse möchte zu Beginn jedes Schuljahres erneut feststellen, ob eine Schulbegleitung benötigt wird oder nicht. Leos Eltern freuen sich zwar über jeden Fortschritt des Sohnes, sind aber trotzdem ziemlich genervt davon, dass die Behörden annehmen, er wäre nach den Sommerferien plötzlich ein normaler, also durchschnittlich entwickelter, Junge.

Gemischte Gefühle also. Gefühle, die man als Außenstehender so leicht durcheinanderbringen und verletzen kann. Mit dummen oder unsensiblen Fragen oder mit Ungeduld oder mit Ausgrenzung, oder, oder, oder. Natürlich ist es schwierig, mit so einem besonderen Kind umzugehen. Aber Leo ist nun mal da und er hat den gleichen Respekt verdient, wie alle anderen Menschen auch.

Behindert sein und behindert werden

Theoretisch ist das hoffentlich den meisten Menschen klar. Aber was das praktisch bedeutet, zeigt „Mein Löwenkind“ sehr anschaulich. Die Frau, die Leo am Bahnsteig ausschimpft, weil er sie durch seinen unbeholfenen Gang versehentlich angerempelt hat, macht dem Jungen noch einige Zeit zu schaffen. Das müsste nicht sein. Ein bisschen Nachsicht und ein nettes Wort hätten den Tag für alle Beteiligten vielleicht sogar schöner gemacht, als er ohne diesen kleinen Unfall gewesen wäre.

Wieder einmal zeigen uns die Menschen, die aus dem Raster fallen, genau auf, wie unsere Gesellschaft funktioniert und wo man sie verbessern könnte. Ganz unbemerkt vom Leser legt Elena Pirin mit ihrem Buch den Finger in die Wunde. Dabei geht sie aber so zärtlich vor, dass ich ihre liebevoll formulierten Anregungen gut annehmen kann.

Mein Löwenkind

„Mein Löwenkind“ ist ein tolles Buch. Ich habe aber auch nichts anderes erwartet, da wir dem PATMOS Verlag schon einige wirklich gute Bücher zum Thema Behinderung zu verdanken haben. Ich denke, dass man dieses Buch sogar mit etwas älteren Kindern lesen könnte.

Natürlich gibt es noch so viel mehr über dieses Buch zu sagen. Zum Thema Vereinbarkeit finden sich auch hier traurig machende Kapitel. Und dass Leo adoptiert ist spielt natürlich auch eine Rolle. Warum Leo ein Löwenkind ist, müsst Ihr ebenfalls selbst heraus finden. Ich sage einfach nur: Lesen.

Mein Löwenkind von Elena Pirin ist bei PATMOS erschienen und kostet 19,99 €. Wir danken dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplares.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. Cornelia Figas sagt: Oktober 7, 2016 at 1:02 pm

    Leben Kinder nicht sowieso immer im Kommunismus? Themaverfehlung hier, aber ist mir dabei so eingefallen.
    Sie bekommen alles, was sie brauchen, müssen nichts dafür tun. Eigentlich schade, dass der Zustand zeitlich begrenzt ist.
    Sind Kommunisten also einfach nur Kinder geblieben?
    Das nur nebenbei…..

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