Leben mit einem Neugeborenen

Baby-Ratgeber von Barbara Sichtermann: Leben mit einem Neugeborenen

Baby-Ratgeber von Barbara Sichtermann: Leben mit einem Neugeborenen

Der korrekte Titel für dieses Buch müsste lauten „Wie man sich NICHT mit seiner Schwiegermutter über Kinder streitet“ denn hier wird alles angesprochen, was unsere Elterngeneration mit Babys anders gemacht hat, als wir das heute tun. Das liegt daran, dass das Buch „Leben mit einem Neugeborenen“ in den 70er Jahren geschrieben wurde. Damals galt dieses Buch als moderner Anti-Leitfaden zu all den anderen Empfehlungen. Barbara Sichtermann hat vor 40 Jahren als Außenseiterin vieles von dem Empfohlen, was heute als Standard gilt:

  • Stillen
  • RoomingIn im Krankenhaus
  • Bonding nach der Geburt
  • Schreiende Babys trösten statt „abhärten“
  • uvm

Sie erklärt, warum sich die (damals) aktuelle Ratgeberliteratur so weit von den eigentlichen Bedürfnissen der Neugeborenen und ihrer Familien abgewandt hat und schlägt dabe ganz nebenbei Kurven zu den Themen Gleichbereichtigung, Arbeitsteilung und Mütterideologie. Säuglingspflege wird dadurch in den Kontext der jeweiligen Zeit gesetzt, was ich persönlich ja wahnsinnig spannend fand.

Zugleich betet sie nicht einfach nur herunter, wie man dieses oder jenes mit dem Kind zu tun hat, sondern erklärt die Gründe für ihre Empfehlungen, die mal in der geistigen, mal in der körperlichen Entwicklung des Kindes liegen. Dadurch wird „Leben mit einem Neugeborenen“ zu einem vielschichtigen aber kurzweiligen Ratgeber für junge und werdende Eltern.

Neben vielen großartigen Wahrheiten und Erkenntnissen erscheinen natürlich einige der Vorschläge Sichtermanns als überholt. So halte ich es für unnötig den Kindern an heißen Tagen zusätzlich zur Muttermilch noch Tee einzuflößen oder sie allzu lang in nassen Windeln liegen zu lassen, da es die kleinen angeblich nicht stört. Auch, dass sie die Beziehung der Eltern zum Säugling als eine sexuelle beschreibt, wirkt sehr befremdlich. Sie erklärt zwar wortreich, wie sie das meint, aber der Vergleich zur Sexualität Erwachsener erscheint mit auch nach vielen Erläuterungen etwas… unglücklich.

Doch im großen und ganzen halte ich ihr Buch für sehr hilfreich, da sie vor allem auch den alltäglichen Umgang miteinander betrachtet. So erklärt sie, wie man mit Frust umgeht, der bei der Pflege eines Kindes ab und zu eben vorkommt. Sie beschreibt, wie man schlechte Tage meistert und wie man das Kind in den Alltag integrieren kann, so dass sowohl die Mutter als auch das Kind davon profitieren. Sichtermann spricht lange über das Stillen und erläutert auch die verschiedenen Gründe dafür, warum das Kind schreit. Sicher, zu beiden Themen, vor allem zum Stillen, wurden weitaus umfangreichere Bücher geschrieben. Doch für den Einstieg oder das Auffrischen von Wissen eignet sich das „Leben mit einem Neugeborenen“ sehr gut.

Immer wieder kommt sie darauf zu sprechen, dass ein Neugeborenes nicht ausschließlich von der Mutter gepflegt werden muss. Im Gegenteil. Sie empfiehlt sogar das gelegentliche Milch Abpumpen, damit sich die Mutter auch einmal eine längere Schlafphase gönnen kann. Mindestens drei Erwachsene findet sie für die Pflege eines Kindes ideal. Doch dass diese Konstellation in der Realität schwer zu bewerkstelligen ist, ist auch der Autorin klar.

Dazu möchte ich noch ein recht bezeichnendes Zitat aus dem Buch vorstellen:

„Er (der Erwachdesne, Anm. d. Red.) nimmt das Baby hoch. Er drückt es an sich und berührt den Haarflaum mit den Lippen – eine Geste, die meist spontan geschieht und nicht nur aus Zärtlichkeit besteht: Die Lippen agieren als dritte Hand und quasistützen den Kopf nach oben. Fast jeder Erwachsene unterdrückt diese schöne und nützliche Bewegung, wen er ein „fremdes“ Neugeborenes auf den Arm nimmt – aus verinnerlichten Hygienerücksichten. Die Folge ist, dass der Kopf des Säuglings zu pendeln beginnt, der Erwachsene fühlt sich unsicher, das Kind weint – man übergibt das Bündel der Mutter und erachtet abermals den Beweis für erbracht, dass nur die Mutter ein so kleines Kind zu beruhigen vermag. In Wahrheit war der Hygiene-Isolationswall am Werk.“

So ist „Leben mit einem Neugeborenen“ auch heute noch ein ungewöhnlicher Ratgeber. Zum einen im Hinblick auf die Säuglingspflege, zum anderen aber auch durch Sichtermanns besonderen Geschlechterblick, wie die Zeitschrift EMMA Sichtermanns Stil beschreibt.

Ich sage: Lesen!

Das Buch Leben mit einem Neugeborenen von Barbara Sichtermann ist beim Verlag Fischer 2010 als überarbeitete Neuauflage erschienen und kostet 8,95€.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

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