Langzeitfolgen von Gewalt im Elternhaus

Triggerwarnung: Häusliche Gewalt und Kindesmisshandlung

Gewalt im Elternhaus

Kindesmisshandlung und ihre Langzeitfolgen

Ann Helena Neudek und ihre Schwester wurden in ihrer Kindheit von den eigenen Eltern misshandelt. Schläge und verbale Erniedrigung gehörten bis ins Jugendalter und darüber hinaus zu ihrem Alltag. In dem Buch „Kinderseelenallein“ schildert die Autorin ihren langen Weg von der Gewalt hin zu einem glücklichen und selbstbestimmten Leben.

Es ist klar, dass es schrecklich ist, Kinder zu schlagen. Und die meisten Menschen wissen auch, dass der Schmerz nicht endet, wenn die blauen Flecken verheilt sind. Doch wie genau die Misshandlung die Psyche eines jungen Menschen zerstört – damit beschäftigen sich die Wenigsten. Auch mir war nicht klar, wie groß die Auswirkungen von Gewalt im späteren Leben sein können und dass sie sich in alle Bereiche des Lebens erstrecken: Von den Beziehungen, die misshandelte Kinder später eingehen, bis zu ihrer beruflichen Laufbahn. Aber auch Probleme in Alltagssituationen, die vergangene Erlebnisse triggern, sind ein großes Thema.

Man stellt sich ganz naiv vor, dass ein misshandeltes Kind seine eigene Kindheit so scheiße fand, dass es niemals seine eigenen Kinder schlagen würde. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall. In vielen Familien gibt es eine Gewaltgeschichte, die sich über mehrere Generationen fortsetzt. Und genau dieser Aspekt nimmt auch einen großen Raum in „Kinderseelenallein“ ein.

Auch Neudek selbst begreift erst später in ihrem Leben, dass vermutlich auch ihre eigenen Eltern aus gewalttätigen Familien stammen. Das ist um so grausamer zu verstehen, als dass es sich um eine sozial verankerte Dynastie handelt, die im kleinen Dorf großes Ansehen genießt. Der äußere Schein wird immer gewahrt – über Generationen hinweg. Der Grund dafür ist, dass die misshandelten Kinder schweigen und ganz automatisch (unabsichtlich) zu Komplizen der Eltern werden:

„Du (als Vater oder Mutter, Anm. d. Red.) bist ihr Ein und Alles, ihre Lebensader, ihr eigener Puls. Sie reden nicht schlecht über dich, wagen keine Kritik und lassen dich stets im besten Licht erstrahlen. Was sonst haben sie denn? Ihr ureigenes Ich haben sie nicht. Sie brauchen dich zum Leben. Sie opfern dir Halt und Sicherheit. Um Dich zu heilen, ganz zu machen. Und wieder hast du diesen Staffelstab, dein eigenes Erbstück der nächsten Generation vermacht.“

Kinderseelenallein, Seite 73

Dieses Buch zu Lesen wird durch die klug gewählten Worte von Ann Helena Neudek erträglich. Sie verwendet eben nicht eine bewusst drastische Sprache um den Leser möglichst nachhaltig zu schocken. Vielmehr berichtet sie poetisch von ihren Gefühlen ohne dabei verklärend zu wirden. So ist „Kinderseelenallein“ gleichzeitig tief berührend aber aushaltbar. Man hofft, dass dieses Buch dadurch eine große Lesernschaft erreichen wird, die in der Konsequenz daraus vielleicht den eigenen schrecklichen Kreislauf der Gewalt in der Familie durchbricht und auch in heftigsten Momenten mit den Kindern innehält, bevor dann doch einmal die Hand ausrutscht.

Natürlich gibt es fröhlichere Themen, mit denen man sich als Leserin/Bloggerin/Mutter befassen kann. Aber Gewalt gehört nun einmal auch zum Leben. Und wenn Neudek schreibt, wie leicht das Umfeld die Situation in der Familie hätte erkennen können, dann wird es einem selbst schon etwas mulmig und man fragt sich, wie oft man schon im falschen Moment weggesehen hat.

Das Buch „Kinderseelenallein“ von Ann Helen Neudek ist im Verlag PATMOS erschienen und kostet 19,99€. Wir danken dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplares. Mehr über die therapeutische Arbeit von Ann Helen Neudek erfahren Sie auf Ihrer Webseite.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

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