Einmetersechsundszwanzig

Ich habe nachgemessen. Unser Kinderwagen ist 1,26 cm lang. Wenn wir in unserem Viertel unterwegs sind, sitzt das Baby im Wagen und der Große surft auf dem Buggy Board. So kommen wir zügig voran und erledigen im Anschluss an den Kindergarten all die großen und kleinen Dinge des Alltags.

Heute stand mal wieder ein Besuch in unserer Post-Filiale auf dem Plan. Wobei Post „Filiale“ etwas übertrieben ist. Im Keller(!)geschoss eines großen Bürogebäudes befindet sich so ein Zeitschriften-Lotto-Grußkarten-Irgendwas-Laden mit einem Post-Eckchen. Auf gefühlt 17 Quadratmetern tummeln sich zwei Schalter (Schreibwaren und Postangelegenheiten), Regale und mehrere dieser furchtbaren Drehständer mit Groschenromanen um die sich die vorweihnachtliche Menschenschlange herumwindet. Man kann sich vorstellen, dass es einigermaßen spannend ist, mit einem Kinderwagen dort hin zu gehen. Noch dazu, wenn ein zappeliger Dreijähriger mit von der Partie ist.

Geht man davon aus, dass ein durchschnittlich gebauter Mensch mittleren Alters etwa 45cm Platz benötigt, um sich irgendwo anzustellen, wird schnell klar, dass wir mit unseren 1,26cm Kinderwagen Plus 45cm schiebender Mama deutlich mehr Freifläche verbrauchen.

Ich weiß natürlich, was für eine unglaubliche Belastung ich für mein Umfeld bin, wenn ich es mir erlaube, mit zwei Kindern das Haus zu verlassen. Deshalb habe ich versucht, mich ganz ordentlich in der Schlange anzustellen und gleichzeitig den Ausgang frei zu halten.

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Bei diesem Versuch habe ich die Handtasche der Frau vor mir leicht mit dem Kinderwagen berührt. Ich erntete einen Todesblick und dieses verächtliche Schnauben, das man so schlecht in Buchstaben darstellen kann. So ein „tsss-pfft“ in etwa.

Ich habe mich dann natürlich umgehend entschuldigt und erklärt, dass ich diese Mütter mit ihren Kindern auch immer äußerst unangenehm finde. Die Frau meinte dann nur: „Ich hab ja gar nichts gesagt!“ Worauf ich erwiderte, dass das auch gar nicht nötig sei.

Als die Frau dann endlich dran war musste sie irgendwas völlig kompliziertes machen, so dass sich die Schlange noch länger anstaute und sich Unruhe im Laden breit machte. Ich nutze die Wartezeit, meinem Sohn die Figuren auf den Lustigen Taschenbüchern zu erklären und überlegte mir, wass denn nun die Alternative zum Schlangestehen mit Kinderwagen sei.

Man muss hin und wieder zur Post. So ist das eben. Aber wenn ich die Kinder allein Daheim lasse um weniger Platz in der Warteschlange zu verbrauchen, passiert vielleicht irgendwas Unangenehmes. Zum Beispiel könnte mein Sohn versuchen, meine Tochter mit Seife zu füttern, was ein denkbar ungeeignetes Lebensmittel für einen Säugling ist. Oder meine Tochter krabbelt ins Klo und steckt kopfüber in der Toilette fest. Wie auch immer – ihr seht, worauf ich hinaus will.

So oder so. Ein Fall solch eklatanter Vernachlässigung der Aufsichtspflicht würde mit Sicherheit die Skandalreporter der BILD und von RTL2 auf den Plan rufen. Die würden dann die Nachbarn befragen und herausfinden, dass wir ja eigentlich eine ganz normale Familie waren und so weiter.

Und ganz ehrlich: Übertragungswagen, die die Straße vor unserem Haus verstopfen, sind wesentlich ätzender für alle Anwohner, als so ein Stupser mit dem Kinderwagen an die Handtasche. You get the Point?


Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

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