Dieses Buch tut Kindern gut – und Erwachsenen ebenso

„Flasche“, so wird sie in der Schule genannt. Und wie eine „Flasche“ fühlt sich die dreizehnjährige Protagonistin dieses kleinen Büchleins häufig: leer, umhergetrieben, ohne Kraft. Flasches Vater ist vor zwei Jahren gestorben. Der Rest der Familie hängt in der Trauer fest, jeder für sich.

Als sich die Autorin Soheyla M. Sadr aus Lübeck mit einer netten E-Mail an die Redaktion von „HausHofKind“ gewendet hat, ahnten wir schon, dass das Buch eine Besprechung in unserem Blog wert sei. Mich hat es gereizt, dieses nett illustrierte Büchlein in die Hand zu nehmen. Schon das Titelbild ist einladend: ein Vogel zwitschert auf einer im Wasser treibenden Flasche. Das erleichtert den Einstieg in das schwere Thema des Buches: Flasche ist seit dem Tod ihres geliebten Papas einfach nur traurig, orientierungs- und antriebslos. Sie hat gehört, dass das Heilkraut Gundermann Abhilfe schaffen könnte. Kurzerhand verwandelt sie in der kindlichen Phantasie das Heilkraut in den fiktiven Anton Gundermann, dem sie fortan Briefe gegen ihre Traurigkeit schreibt.

Auf 120 kurzweiligen Seiten bekommen wir mit, wie Flasche unter dem Verlust ihres Papas leidet. Nicht nur, weil die neue, enge finanzielle Situation die Rest-Familie zwingt, in eine günstige, kleinere Wohnung am Stadtrand zu ziehen, wo Flasche keinen Menschen kennt, sondern auch weil das familiäre Gleichgewicht aus den Fugen geraten ist: die größere Schwester, vermutlich selber durch den Verlust des Vaters in Schockstarre, schneidet sie, wo sie kann. Trotz allem guten Willen gelingt es der allein erziehenden Mutter nicht, ihre Tochter zu erreichen. Vielleicht wünscht sich die Tochter mit 13 Jahren auch einfach einen anderen Gesprächspartner. Aber die Geschichte wäre nicht erzählt worden, wenn nicht doch in kleinen Schritten eine Wandlung passieren würde. Flasche beginnt, über sich hinauszuwachsen. In der nahgelegenen Kinderbibliothek sollen die wöchentlichen Vorlesestunden aus Finanzgründen gestrichen werden. Flasche organisiert den Widerstand – und findet dabei neue Freunde – und Lebensmut. Das ist anrührend und überzeugend geschrieben. Mehr sei hier noch nicht verraten.

Natürlich fallen mir gleich 5 Personen im Bekanntenkreis ein, denen dieses Mutmach-Buch guttun könnte. Nicht nur Personen, die durch Trauer gelähmt sind, sondern auch Menschen, die durch zerbrochene Beziehungen, durch harte Lebensumstände oder durch Gewalt verunsichert sind. Aber ehrlich gesagt finde ich mich auch selber – als 55-jähriger Erwachsener – ein Stück weit in dem beschriebenen Muster von Lähmung und Aufbruch wieder. Es gibt immer noch Situationen, die schlimmer sind als die eigene, und Menschen, denen es schlechter geht als einem selbst. Diese Erkenntnis hilft das eigene, subjektive Leiden zu relativieren und sich für die Not anderer zu öffnen. Diese Erkenntnis tut nicht nur Kindern und Jugendlichen gut, sondern jedem Menschen.

Damit ist der Debüt-Roman „Flasche“ von Soheykla M. Sadr kein typisches Jugendbuch, obwohl es in dieser Zielgruppe sicher gut platziert ist. Die Gefühle der 13-Jährigen sind so glaubhaft erzählt, dass es auch Erwachsene anrührt und man autobiographische Bezüge vermutet. Auf ihrer Website www.flasche-roman.de erfährt man dann, dass nur wenig Autobiografisches in das Buch eingeflossen sei und dass es eine Statistik über Kinderarmut war, die die Autorin zu diesem Thema bewegt hat.

Soheykla M. Sadr hat sich bisher als Illustratorin verdingt. Mit diesem Buch beweist sie, dass sie auch schreiben kann und dass man sich noch weitere Werke von ihr erhoffen möchte. Als Buchtypografie-Freak bin ich allerdings vom Schriftsatz der Innenseiten enttäuscht, der leider nicht hält, was der Titel erhoffen lässt. Schade zum Beispiel, dass die handschriftlich wirkenden Auszeichnungen nicht wirklich Handschrift, sondern Computer-Font sind. Dem Buch wäre zu wünschen, dass es durch die Decke geht. Dann kann dieser Makel bei einer Neuauflage auch noch behoben werden.

 

Ludger M. Elfgen

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