Gastbeitrag einer blinden Mutter

Viele Grüße von Lydia
Von mir diktiert
Von Siri geschrieben
Von meinem iPhone gesendet

Das ist die Signatur, die Lydia unter ihre E-Mails setzt. Lydia ist blind. Und Mama. Das geht natürlich. Aber viele Leute meinen, sie müssten Lydia Ratschläge geben. Echte Hilfe gibt es dagegen nur selten. Wir wollen mit ihrem Gastbeitrag ein wenig Aufklärung leisten. Herrzlich Wollkommen Lydia!

Viele gute Miterzieher

Die blinde Mutter Lydia erzählt vom Alltag mit zwei Kindern

Die blinde Mutter Lydia erzählt vom Alltag mit zwei Kindern

Kaum war ich zum ersten Mal schwanger, schon hatte ich ganz viele wohlmeinende Ratschläge. Meine Eltern, Geschwister, Kollegen und wer auch immer schon mal ein Kind hatte oder haben wollte. Alle hatten sie mindestens einen Ratschlag für mich parat. Tja, mein Gynäkologe hatte mich bereits davor gewarnt, dass es nun eine Menge Leute geben wird, die mir quasi ein Ohr abkauen würden. Aber dass es so viele würden, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Und natürlich wurden mir auch noch diverse Ratgeber empfohlen, die ich unbedingt lesen sollte. Zugegeben, ich habe keines dieser Bücher gelesen. Teilweise aus Faulheit, teilweise aber auch, weil es diese nicht als Hörbuch oder in Braille gab. Und vom IPhone und E-Books war noch lange keine Rede. Insofern vermag ich auch nicht darüber zu urteilen wie hilfreich diese Bücher sind.

In der Schwangerschaft gab es Menschen, die das gut fanden, andere, die der Ansicht waren ich brauche ganz viel sehende Unterstützung, und wieder andere, die eine Elternschaft durch Menschen mit Behinderung strikt ablehnten. Und mitten darin war ich. Mit allem was so eine Schwangerschaft mit sich bringt und dem selbst erzeugten Druck allen beweisen zu müssen, dass ich sehr wohl in der Lage bin für ein Kind zu sorgen.

Und hier fand ich Unterstützung durch meine Gynäkologen und meine nachsorgende Hebamme. Diese rieten mir mich nur noch mit den Menschen zu umgeben, welche mir gut tun. Zu allen anderen sollte ich möglichst auf Distanz gehen. Denn schließlich sollte ich es mir wert sein, dass es mir und meinem Kind gut geht. Und das ist auch ein Ratschlag, denn ich an werdende Eltern weitergeben würde.

Kaum war meine Tochter auf der Welt, schon wollten es alle gewusst haben. Jeder hatte einen Rat für mich wie und wann ich mein Kind stillen solle, wann ich es schreien lassen sollte, und wie oft ich es zu baden hätte. Die Ansichten gingen sehr auseinander. Wieder hielt ich mich an meine Hebamme und einige wenige Freunde, die entweder selbst Eltern waren, oder mir einfach nicht so tierisch auf die Nerven gingen. Von diesen nahm ich gern einen Rat an, weil ich mich gleichwertig behandelt fühlte.

Es gibt verschiedene Techniken als Blinder mit einem Baby unterwegs zu sein. Ich trug mein Kind im Tragetuch vor dem Bauch. Damit konnte ich mit der rechten Hand meinen Blindenstock benutzen und die linke hatte ich frei. Im Rucksack hatte ich alles dabei was nötig war und meist auch noch Platz für kleine Einkäufe. Es war für mich die einfachste Art von a nach b zu kommen. Meinen Miterziehern passte das nicht. Für sie war der Kinderwagen das ultimative Transportmittel. Und im Winter mit Baby rausgehen ging ja schon gar nicht. Denn es könnte sich schließlich erkälten.

Dieselbe Fraktion war es auch, die mir immer wieder vor Augen hielt, dass ich doch nicht ausreichend auf mein Kind achten konnte, als der Bewegungsdrang größer wurde. Nun, solange wir uns zuhause befanden, war das für mich kein Thema. Hier kannte ich ja alles. Und alle möglichen Gefahrenquellen waren außer Reichweite meiner Kinder untergebracht. Mein Korb mit den Putzmitteln stand beispielsweise auf einem Regal in 2 m Höhe. Und wenn ich irgendwo zu Besuch war, dann kannte ich mich entweder aus, oder meine Gastgeber halfen mir. Problematisch wurde es für mich erst, als meine Tochter laufen lernte und draußen die Welt zu entdecken begann. Ich war zu ängstlich, um alleine mit ihr auf den Spielplatz zu gehen. Schließlich konnte ich nicht sehen, ob sie zwischendurch nicht doch mal eine Glasscherbe fand oder etwas Unbekömmliches in den Mund nahm. Mein Mann, der etwas besser sieht als ich, half hier aus. Ansonsten verabredete ich mich schon mal mit meinen Freundinnen oder bezahlte mir eine sehende Hilfe für den Spielplatz. Schließlich handelte es sich hier um einen überschaubaren Zeitabschnitt.

Ein weiteres großes Thema war die Sauberkeitserziehung. Ich halte nichts davon Kleinkindern die Windel gewaltsam auszutreiben. Ich gebe zu, dass ich mir keinen Stress damit gemacht habe. Ganz im Gegensatz zu meinen vielen ungebetenen Ratgebern. Und so war es auch. Als meine Tochter mit drei Jahren in einen altersgemischten Kindergarten kam, erledigte sich das alltäglich von selbst. Das gleiche war auch bei meinem anderthalb Jahre jüngeren Sohn. Frei nach der Devise, kein Kind möchte sein Leben lang freiwillig eine Windel tragen.

Meine Kinder sind schon immer bewegungsfreudig gewesen. Und so war verschmutzte Kleidung Programm. Und wie jeder halbwegs praktisch denkende Mensch habe ich ihnen für den Kindergarten oder Spielplatz Sachen angezogen, die auch schmutzig werden oder kaputtgehen durften. Schließlich leben wir im Zeitalter funktionierender Waschmaschinen. Aber hier messen viele mit zweierlei Maß. Meine Sehbehinderung war oft die Ausrede für verschmutzte oder schadhafte Kleidung auf dem Spielplatz und sogar einmal im Kindergarten. Ich habe Eltern erlebt, die ihre Kinder zum Gang auf den Spielplatz hübsch angezogen haben, um sie dann dafür auszuschimpfen, weil sie sich schmutzig gemacht haben. Den Stress wollte ich mir nicht geben. Stattdessen wurden die Kinder draußen sorgfältig entsandet und die Kleidung wanderte sofort in die Schmutzwäsche. Danach hieß es Abmarsch ins Bad.

Ich bin ein großer Freund davon Kinder zu begleiten statt ihnen alles Mögliche zu verbieten. Denn Verbotene Früchte schmecken bekanntlich besser. Und verbotene Dinge werden oft mit Hast getan, was sie noch gefährlicher macht. Meine Kinder durften überall klettern oder balancieren und sich ausprobieren. Das schafft ein gutes Körpergefühl und hilft Kindern Gefahren besser einschätzen zu lernen. Und wenn es nötig war, behalf ich mir auch mal mit bezahlter sehender Assistenz. Damals war es teilweise anstrengend. Heute bin ich dankbar dafür.

Kommen wir zum Thema sehende Hilfe. Die konnte ich kostenlos haben. Aber diejenigen, die mir diese kostenlose Hilfe anboten, taten dies zu ihren Bedingungen. Wenn also ein Termin für das Schwimmbad ausgemacht war, und die sehende Begleitung keine Lust mehr hatte, stand ich vor dem Problem meinem Kind das zu erklären. Und wenn die Begleitung lieber woanders hin wollte, dann hatte ich dafür dankbar zu sein, dass sie überhaupt kam. Diese Art von Hilfe schafft nur Unfrieden und tut allen nicht gut. Daher ging ich dazu über für solche Ausflüge sehende Assistenz zu bezahlen oder es anders zu organisieren. Hier waren Eltern von manchen Schulfreunden sehr kooperativ und nahmen meine Kinder mit.

Eltern mit Behinderung heißt viel Improvisation und vorab Organisation. Und irgendwann gewöhnt man sich einfach daran. Ich bin ein lösungsorientierter Mensch und gut im Organisieren. Daher fällt es mir leicht Plan b zu entwickeln, wenn mal etwas schief geht. Mein größtes Problem waren also nicht die Lösungen für auftauchende Herausforderungen, sondern die stete Auseinandersetzung mit Menschen, die meinten alles besser wissen zu müssen.

Die meisten werdenden Eltern kennen das. Und auch während der Elternschaft bleibt niemand davon verschont. Doch als Mensch mit einer Behinderung begegnet man immer wieder Zeitgenossen, die einem sämtliche Kompetenzen absprechen wollen. Und es braucht eine Menge Kraft, Ideen und ein paar wirklich gute Freunde, um sich selbst als kompetentes Elternteil und nicht als Defizitär Mami zu sehen.

Also, liebe alle Miterziehende: 
Jeder ist für die Erziehung seines Kindes selbst der beste Experte. Und wenn Ihr meint Ratschläge erteilen zu müssen, dann fragt erst mal ob diese willkommen sind. Dann werden sie vielleicht eher angenommen.
Und bitte, bitte, bitte, begegnet uns Eltern mit Behinderung auf Augenhöhe und nicht von oben herab. 
Danke.

Ich lade alle Interessierten ein auf meinem Blog vorbeizuschauen. Hier schreibe ich über meinen Alltag, erkläre vieles im Umgang mit blinden Menschen und beantworte gern alle Eure Fragen.

Eure Lydia

Merken

Merken

Das könnte Sie auch interessieren


Gastartikel

Kommentare

  1. Das mit den Ratschlägen kennt bestimmt fast jede Mutter. In diesem Fall sicherlich viel extremer. Leider haben es nicht nur blinde Mütter schwer. Es beginnt schon, wenn dein Kind in der Schule nicht so funktioniert, wie es eigentlich soll. Mein Kind konnte nicht gleich lesen und schreiben und mit dem Rechnen hat es sich auch schwer getan. Von da an lief ich Spießruten. Die Lehrerin war die Schlimmste, aber auch in der Familie kamen viele mit ihren „gut gemeinten“ Ratschlägen. Als Mutter muss man sich gegen viele Vorurteile und gegen das Schubladendenken vieler ernsthaft zur Wehr setzen und sich stark machen. Ein Umdenken ist unbedingt notwendig – denn die vielgenannte Inklusion kann nur gelingen, wenn jeder damit beginnt. Inklusion beginnt in den Köpfen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.