Schulleiterin fordert: Mehr Bewegung in der Schule!

Artgerechte Haltung von Birgit Gegier Steiner

Brauchen Jungs eine andere Erziehung als Mädchen?

Autorinnen, die sich auf Veranstaltungen der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft Deutschlands tummeln, deren Werke von Maskulinisten und Anti-Feministen gefeiert werden und deren Bücher in meiner eigenen Filterbubble in der Luft zerrissen werden, meide ich eigentlich. Trotzdem hat das Buch Artgerechte Haltung – Es ist Zeit für eine jungengerechte Erziehung den Weg auf meinen Nachttisch gefunden.

Ein paar Mal war ich kurz davor, es wieder beiseite zu legen. Schließlich kann einen der Verlag ja nicht zwingen, eine Rezension zu schreiben. Auch wenn er – wie in meinem Fall – ein kostenfreies Rezensionsexemplar zur Verfügung stellt.

Und doch lest Ihr nun hier einen Artikel zu diesem Buch und findet am Ende sogar einen Link, der Euch zu einem Onlineshop für Bücher führt. Warum ist das so?

Ich möchte einige Impulse aus dem Buch, die mir gefallen haben, doch vorstellen und weitergeben. Dabei frage ich mich aber: Darf ich das eigentlich? Oder ist das Empfehlen eines Buches, das den Unterschied zwischen den Geschlechtern zu zementieren versucht, in etwa so, wie zu sagen, dass in der DDR ja nicht alles schlecht war?

Um nun mal zum Punkt zu kommen:

Was hat mir an „Artgerechte Haltung“ gefallen?

Birgit Gegier Steiner argumentiert auf Basis eines natürlichen Bewegungsdranges von Jungs, der im Vergleich zu dem von Mädchen viel stärker ausgeprägt ist. Das lange Sitzen, stilles Arbeiten und die Konzentrationsphasen in der Schule würden deshalb die Mädchen bevorzugen und dadurch den Jungen eine schwierigere Schullaufbahn bescheren.

Um diese Ungleichheit aufzulösen empfiehlt sie Unterrichtselemente mit viel Bewegung und Wettbewerbscharakter und bringt dabei viele Anregungen für Lehrer. Das alles fasst Sie unter dem „fußballdidaktischen Erziehungsprinzip“ zusammen.

Aber auch Eltern finden hier tolle Tipps, wie sie zum Beispiel

die Hausarbeit für Jungs interessant gestalten können, um gleichzeitig den Bewegungsdrang, den Wunsch nach Grenzen und das Suchen nach Regeln zu fördern. Selbst die Planung der Sonntagsausflüge und die Erstellung der Einkaufsliste lassen sich – laut Gegier Steiner – für pädagogisch-spielerisch wertvolle Lerneinheiten nutzen – sofern man vorher die Regeln klar absteckt. Eine Anleitung dazu findet sich am Ende des Buches. Natürlich argumentiert Gegier Steiner immer entlang der Bedürfnisse von Jungen. Doch ich finde, dass ihre Tipps für alle Kinder hilfreich sind. Denn man kann davon ausgehen, dass auch Mädchen von mehr Bewegung und einer intensiven Einbindung in alle Arbeiten der Familie profitieren.

Was hat mir an „Artgerechte Haltung“ nicht gefallen?

Insofern ist mein größter Kritikpunkt an diesem Buch, dass es sich um ein Buch für Lehrer und Eltern von Jungs handelt. Meiner Meinung nach hätte „Artgerechte Haltung“ mit einem anderen Titel ein tolles, empfehlenswertes Buch im Bereich Kindererziehung werden können. Doch mit der gewählten Argumentation sendet die Autorin geradezu eine Einladung an Menschen, die ohnehin gerne auf die bösen Feministinen mit ihrem „Gleichheitswahn“  einhauen.

Dass Gegier Steiner sich von der konservativen Lokalpolitik vor den Karren spannen lässt und in Konstanz auf Parteiveranstaltungen auftritt, zeigt, dass sie den Wertvorstellungen der ewig Gestrigen zumindest nicht ganz abgeneigt ist. Nein. So eine Frau muss man wahrlich nicht unterstützen. Dass jemand neue Impulse in unser Schulsystem einbringt ist jedoch begrüßenswert.

Genauso begrüßenswert ist die Diskussion, die in den sozialen Netzwerken über dieses Buch geführt wird. Ausschließlich Scheiße ist es deswegen aber nicht gleich. Vielmehr ist es ein Buch für kritische Leser, die sich in der Lage fühlen, die Ideen von Birgit Gegier Steiner im Rahmen der eigenen Möglichkeiten und Wertvorstellungen in den (schulischen) Alltag mit Kindern zu übernehmen.

Das Buch „Artgerechte Haltung“ von Birgit Gegier Steiner ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen, umfasst 255 Seiten und kostet 17,99€. Wir danken dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenlosen Probeexemplares.

Zwei weitere kritische Buchbesprechungen zu „Artgerechte Haltung“ habe ich in den Blogs Umblättern und Inas Bücherkiste gefunden.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. Der Titel selbst wäre vllt auch noch eine Erwähnung wert, sorry, aber ich denke da an Hühner und nicht an Kinder.

    Mir können ja noch so gute pädagogische Tipps nicht darüber hinweghelfen, dass die Autorin als gegeben sieht, dass Jungs mehr Bewegung brauchen als Mädchen. Belegt sie das eigentlich irgendwo? [Jungen und Mädchen haben gleich viel Testosteron im Blut bis zur Pubertät, nämlich so gut wie keins. Und es ist nicht ausreichend erforscht, inwieweit das Sexualhormon überhaupt Einfluss auf unser Verhalten hat. Es kommt sehr darauf an, zu welchem Zeitpunkt man misst: Mehr Testosteron, deshalb mehr Bewegungsbedarf? Oder mehr Bewegung durch den Tag und deshalb höherer Wert – von wegen Henne oder Ei, um im Stall zu bleiben ;)] Und ihre „So-sind-sie-eben“-Haltung (Boys will be boys) wird ja auch gerne herangezogen, wenn es um Alltagssexismus geht. Deshalb finde ich das komplett inakzeptabel, dolles Bewegungskonzept hin oder her.
    viele Grüße aus der Rosa-Hellblau-Falle
    schickt
    Almut

    • HausHofKind sagt: Januar 14, 2016 at 8:38 am

      Hallo Almut,

      dass das mit dem Testosteron noch nicht so gut erforscht ist, wusste ich nicht. Danke für die Aufklärung! Über den Titel bin ich nicht so gestolpert. Aber jetzt, wo Du das mit den Hühnern geschrieben hast, geht mir das nicht mehr aus dem Kopf 🙂 Danke für Deine engagierte Aufklärungsarbeit!

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