Die kleinste Familie der Welt

„Familie ist da, wo Leute für Kinder da sind.“

Während die konservativen Kräfte in unserem Land auch 2016 noch darüber streiten, was eine „richtige“ Familie ist, streitet eine ganz besondere Art der Familie um Anerkennung: Alleinerziehende

Endlich, ganz langsam, finden die Alleinerziehenden in Deutschland Gehör. Die ungerechte Behandlung bei der Vergabe der Steuerklassen, die schwierige Rechtsprechung bei Sorgerechtsstreitigkeiten und die prekäre finanzielle Lage durch schlechte berufliche Chancen werden nun in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Und das verdanken wir unter anderem den tapferen Frauen und Männern, die im Internet, in Talkshows und in Büchern offen über ihr Leben mit Kindern aber ohne Partner sprechen.

Sie haben es geschafft, sogar die Aufmerksamkeit der Familienministerin zu erlangen und diskutieren mittlerweile auf politischen Foren oder geben große Interviews für DIE ZEIT. Endlich tut sich was. Denn den kleinsten Familien der Welt geht es schlecht in unserem Land. Vor allem finanziell. Altersarmut betrifft einen Großteil der alleinstehenden Frauen mit Kindern. Die Betreuung der Kinder an Schließtagen im Kindergarten und während der Schulferien ist kaum mit einer Festanstellung zu vereinen. Das sind sind nur zwei Beispiele für den Kampf gegen Windmühlen, den die Einelternfamilien permanent führen.

Alleinerziehend mit einem Kind

Alleinerziehend, ein Kind

Alleinerziehend, ein Kind

Nun gibt es auch ein Buch, das sich mit der Lebenssituation der kleinen Familien befasst: „Die kleinste Familie der Welt. Vom spannenden Leben allein mit Kind“ von Bernadette Conrad.

In ihrem Buch trifft die alleinerziehende Mutter einer Tochter andere Eltern, die allein mit einem Kind leben. Allen Geschichten ist gemein, dass die schlimmsten Jahre (Tod, Armut, Streit…) hinter ihnen liegen. Sonst hätten sie wohl auch kaum Zeit, sich von Conrad interviewen zu lassen. Das macht das Buch lesenswert, weil alles so positiv erscheint.

Meiner Meinung nach wird die Lebensrealität der Alleinerziehenden durch diese vielen tollen Berichte verzerrt, ja fast verklärt dargestellt. Das liegt daran, dass die schlimmen Phasen eben rückblickend und mit Abstand und gewachsener innerer Reife betrachtet werden. Möglich, dass aber genau diese Betrachtungsweise den aktuell Alleinerziehenden Lesern hilft: „Es wird besser werden“ ist die Kernbotschaft dieses Buches.

Alleinerziehend streiten

Wenn ich mit unserem Sohn schimpfe, rennt er sofort zu meinem Mann. Seit der Lektüre von der Kleinsten Familie der Welt verstehe ich, warum das so ist: Das Kind holt sich eine Bewertung der Situation durch einen Dritten ab. Es will wissen ob Papa es tröstet und alles gar nicht so schlimm war oder ob Papa genauso streng ist wie Mama und es ebenfalls zurecht weist. Ich habe gelernt, das nennt man Triangulierung.

In einer Zweierkonstellation fällt diese Möglichkeit weg. In einem Streit sind die beiden Streitenden auf sich allein gestellt. Das Beenden der Situation ist jedesmal ein Kraftakt, der mal besser, mal schlechter gelingt und vor allem von den Erwachsenen viel persönliche Reflexion und Selbstbeherrschung fordert. Eine Kräfte raubende Situation: „Beide haben wir in der Wohnung niemanden, zu dem oder der wir im Moment kommen könnten – keinen „Zeugen“ für so eine Situation; weder jemanden, bei dem man sich ausheulen, Hilfe holen, ankuscheln kann, noch jemanden, der eingreifen würde, Partei ergreifen, seinen Senf dazugeben. Niemanden, der das Ganze verschlimmern oder verbessern könnte.

Alleinerziehend mit Netzwerk

Conrad berichtet aus ihrem eigenen Leben oft von dem Netzwerk, dass sie über die Jahre aufgebaut hat. Immer wieder haben ihr liebe Menschen geholfen. Sei es nun durch Babysitten oder bei einem Umzug.

Wichtig findet sie als Mutter, dass die Bezugspersonen außerhalb der winzigen Kernfamilie verbindlich sind. Das bedeutet für sie, dass die Beziehung zum Kind über einen langen Zeitraum mit Ernsthaftigkeit geführt wird. Sie hat das Glück, dass sich gleich mehrere Erwachsene intensiv um ihre Tochter bemüht und gekümmert haben. Ich sehe das als Apell an alle, die so eine kleine Familie unterstützen möchten. Mal eben kurz nett sein hilft langfristig nichts.

Die kleinste Familie der Welt

Ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen, da ich auch alleinerziehende Familien kenne. Mir hat es geholfen, deren Situation besser zu verstehen. Vor allem aber denke ich, dass es für Alleinerziehende selbst ein lesenswertes Buch ist. Als Geschenk kann ich es wärmstens empfehlen.

„Die kleinste Familie der Welt“ hat auch eine Webseite, auf der man sich über das Buch und die Autorin informieren kann. Hier entlang bitte.

Das Buch Die kleinste Familie der Welt von Bernadette Conrad ist bei btb erschienen und kostet 16,99€. Wir danken dem Verlag für das kostenfreie Rezensionsexemplar.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. Ein sehr schöner Artikel und ich kenne Alleinerziehende, die sich eben darüber beklagen, dass das Kind dann zum Ex-Partner rennt und dort eine andere Behandlung erwartet – aber ich finde, wenn man zusammen ein Kind in die Welt setzt sollte man ich auch nach einer Trennung gemeinsam um das Kind kümmern – und das gelingt auch vielen ziemlich gut 🙂
    Liebe Grüße
    Elsa

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