Aggressives Kind – was tun?

Ratgeber: Aggressives Kind

Ratgeber: Aggressives Kind

Das Buch „Agression“ von Jesper Juul hat mir eine Freundin geliehen, nachdem ich ihr von den krassen Trotzanfällen erzählt habe, die ich mit meinem Zweijährigen gerade täglich erlebe. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir ohne persönliche Empfehlung kein Buch von Juul besorgt hätte. Meine erste Begegnung mit dem Erziehungsberater war eine ARD-Reportage, die ich in der Mediathek angesehen hatte. Hier ging es um den Konsumrausch, der mit dem Kinderkriegen und Kinderhaben zusammenhängt. Dort wurde, neben mit Swarowskisteinen besetzten Babybadewannen und Schlafliederlieder-CDs mit individuell eingefügtem Babynamen, Jesper Juul als eine Art Guru dargestellt, der überteuerte Seminare hält. Nachdem ich die glitzernden Babybadewannen und die komische Musik auch gleich doof fand, war mein Urteil über Jesper Juul gefallen.

Doch es war falsch. Nach der Lektüre dieses Buches über Aggression bei Kindern habe ich verstanden, was für ein einfühlsamer Beobachter er ist. Mir erscheinen seine Analysen bestimmter Situationen und seine daraus resultierenden Empfehlungen sehr nachvollziehbar. Als leicht verständlich und zutreffend – soweit ich das nach meiner zweijährigen Laufbahn als Mutter schon beurteilen kann.

Ich muss allerdings sagen, dass mir „Aggression“ in Bezug auf die Trotzphase meines eigenen Kindes nicht sehr viel gebracht hat. Denn in diesem Buch geht es eher um Kinder ab vier Jahren bis ins Jugendalter, die ihre Eltern, oder andere Kinder hauen und beißen oder absichtlich Dinge kaputt machen und sich „gemein“ verhalten. Zielgruppe des Buches sind neben den Eltern und den anderen Bezugspersonen eines solchen „auffälligen“ Kindes ganz klar auch die Pädagogen und Erzieher in verschiedenen Einrichtungen. Nicht so toll kommen hingegen die Therapeuten weg. Die geht Juul an einigen Stellen direkt an.

Ich kenne Juuls Stil noch nicht sehr gut, aber in diesem Buch kommt es mir vor, als würde er einen Vortrag halten. Es geht mehr darum, dass er in lockerer Reihenfolge seine Sicht auf die Aggression bei Kindern vorstellt. Dabei betrachtet er zunächst das Phänomen als solches, beschreibt dann, was Eltern tun können – also wie sie in bestimmten Situationen reagieren sollten – um dann zum Schluss noch einmal bestimmte Szenarien zu beschreiben, wie zum Beispiel den Dauerstreit zwischen Geschwistern.

Dadurch hilft das Buch dabei, das eigene Verhalten in Bezug zum (scheinbaren) Fehlverhalten des Kindes zu setzen. Jesper Juul zeigt uns Eltern Wege jenseits von Verhaltenstherapie und Medikementen auf, die manchmal überraschend einfach erscheinen. So kann einem „wilden“ Jungen oft schon dadurch gut geholfen werden, dass sein Vater ab und zu mit ihm rauft.

Natürlich gibt es auch ein paar Horrorszenarien, die einem zeigen sollen, was für furchtbare Menschen aus scheinbar folgsamen und unterdrückten Kindern werden. Aber das dient nur der Erklärung und ist auch für zarte Gemüter verkraftbar.

Ich denke, dass Eltern von 4-Jährigen dieses Buch lesen sollen. Unabhängig davon, ob sie ein aggressives Kind haben oder nicht. Denn auch das Verhalten der anderen Kinder, also Kindergartenfreunden oder Klassenkameraden spielt in „Aggression“ eine große Rolle. Auf der anderen Seite hilft es aber auch dabei, bestimmte schlechte Verhaltensmuster (auch die der Eltern selbst) zu erkennen und dadurch frühzeitig zu verändern. Ich selbst bin froh, dass ich dieses Buch in die Finger bekommen habe. Aber ich werde es mir in zwei Jahren noch einmal zu Gemüte führen, wenn mein eigenes Kind auch in der entsprechenden Altersgruppe ist.

Bis dahin bleibt meine wichtigste Erkenntnis, das Authentiztät immer siegt. Lieber das Kind einmal anschreien und seine eigene Frustration zeigen, als geheuchelt ruhig beiben, obwohl man innerlich kocht. Denn nur durch das Vorleben echter Emotionen, bei denen Verhalten, Tonfall und Gesagtes zusammenpassen, lernen die Kinder, ihre eigene Stimmung einzuschätzen und – im zweiten Schritt – damit umzugehen.

Mit seinen 173 Seiten ist „Aggression“ ein schlankes Buch, das man gut auch in der Handtasche mit sich herumtragen kann. Ich war damit wirklich schnell durch. „Aggression – Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist“ von Jesper Juul ist beim S. FISCHER Verlag erschienen und kostet 9,99 €


Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

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