Die Rutsche auf dem Kinderspielplatz

Spielplätze sind ein spezielles Thema. Als Eltern kann man sich hier eigentlich nicht richtig verhalten. Es gibt einfach zu viele soziale Situationen, in denen man nur Fehler machen kann. In den letzten Tagen habe ich vor allem eine Sache immer wieder beobachtet:

Das Rutschen-Dilemma

Rutsche_Spielplatz_bearbeitetMein Kind spielt gerne für sich. Mit einer Schaufel und ein bisschen Sand ist er ziemlich lange glücklich. Keine Ahnung, ob das normal ist für sein Alter. Ich lese keine Ratgeber, deswegen brauche ich mir auch keine Sorgen zu machen.

Besonders viel Spaß hat er am Fuß der Rutsche. Also dort, wo sich der Auslauf befindet und die Rutsche ganz flach verläuft. Die Rutsche an unserem Lieblingsspielplatz ist aus herrlich glattem Metall. Er legt sich deshalb gerne mit dem Bauch dort unten drauf und rutscht hin und her. Oder er schaufelt Sand auf die Rutsche. Oder er wischt ihn wieder herunter… Ich sitze in der Nähe auf einer Bank, lese ein Buch und gucke beim Umblättern nach ihm. Alles ist gut.

Doch dann kommen die anderen Kinder und unterbrechen die Idylle: Sie wollen rutschen. Da stört mein Sohn natürlich am Fuß der Rutsche, denn – das haben ihnen ihre Eltern eingebläut – man darf natürlich nicht rutschen, wenn unten nicht „frei“ ist. Das tut den anderen Kindern sonst weh.

Also warten die Rabauken oben an der Rutsche. Man könnte meinen, sie würden anfangen zu rufen und versuchen, meinen Sohn zu vertreiben. Aber nein. Sie wissen ganz genau, welche Mama zu welchem Kind gehört. Deshalb fangen sie an, mich anzustarren. Die anderen Kinder versuchen gar nicht erst, das Problem selbst zu lösen. Sie starren, weil sie es gewohnt sind, dass die jeweiligen Eltern das störende Element umgehend vom Fuß der Rutsche entfernen werden.

Mache ich aber nicht. Mir wurde beigebracht, stets zunächst zu versuchen, das Problem selbst zu lösen. Da bin ich stur. Sollen die doch mit dem Problem klarkommen. Deshalb bringt man seine Kinder ja schließlich auf den Spielplatz. Damit sie solche Situationen kennenlernen.

Ich sitze also abseits, lese ein Buch und werde angestarrt. Sofort entsteht eine seltsame Stimmung auf dem Spielplatz. Die Eltern der Kinder oben auf der Rutsche werden nervös. Mein Kind unten auf der Rutsche lacht die anderen Kinder an.

Die Spannung wird schnell unerträglich. Innerhalb von Sekunden kippt die Stimmung. Es dauert maximal eine halbe Minute, bis ich angesprochen werde: „Darf ich die Kleine beiseite heben?“ (Mein Sohn wird ja grundsätzlich für ein Mädchen gehalten).

Ich antworte: „Ja, wenn er sich das gefallen lässt“. Daraufhin packen die sichtlich erleichterten Fremdeltern mein Kind mehr oder weniger behutsam und setzen es einen Meter weiter wieder ab. Auf die Idee, ihn einfach mal anzusprechen ist bisher noch niemand gekommen.

Keine Ahnung, ob er es verstehen würde. Aber wenn sich jemand wirklich bemüht und das Kind dann trotzdem nicht reagiert, würde ich ihn natürlich holen. Aber es kotzt mich an, dass alle davon ausgehen, dass ich sofort springen muss, wenn es ein bisschen ungemütlich wird.

Das Helikopter-Dilemma

Permanent einen Meter neben dem Kind im Sand zu stehen ist ja auch nicht recht. So gibt es in den Feuilletons großer Zeitschriften, auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und in den bekannten Mami-Blogs permanent harte Kritik an den sog. Helikoptereltern zu lesen. Das sind Eltern, die kontinuierlich über ihrem Nachwuchs schweben und diesen dadurch vor allem Unheil beschützen. Seien das nun Tischkanten, Tiger oder Unterschichtenkinder.

Ich finde diese Kritik berechtigt, aber völlig überzogen. Mir missfällt dieser Automatismus, mit dem Viele auf Eltern einhacken. Das kann doch nur dazu führen, dass man permanent verunsichert ist. Und Unsicherheit spüren Kinder sofort und nutzen sie aus. Die Folge sind permanente Grabenkämpfe. Das kann nicht gut sein.

Mag sein, dass ich überempfindlich bin. Aber ich stehe drauf, dass unser Kind so selbständig ist und sich freiwillig mehr als 5 Meter von mir entfernt. Er läuft manchmal ganz schön weit weg. Aber ich renne nicht sofort hinterher, wenn wir uns gerade auf einem umzäunten Spielplatz befinden, auf dem viele Eltern und Kinder sind und ich weit und breit keine Gefahr entdecken kann. Er kommt schon, wenn er was braucht.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. Martin sagt: Mai 1, 2017 at 5:43 am

    Super Beitrag! Besser könnte man das Problem der Helikopter Eltern nicht beschreiben.

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