Erfahrungsbericht: Kind mit Schizophrenie

Das Leben mit einem schizophrenen Kind

Das Leben mit einem schizophrenen Kind

Bereits nach wenigen Seiten in diesem Buch bekam ich große Selbstzweifel: Ist es in Ordnung, das Leben eines kleinen kranken Mädchens so spannend zu finden? Ich habe diesen Bericht mit mehr als 300 Seiten an zwei Abenden weggelesen, weil das Buch so spannend ist. Und ich schwankte lange zwischen Mitgefühl und Voyeurismus. Doch ganz am Ende erklärt der Vater, dass das Leben seiner schizophrenen Tochter als Geschichte größer ist als ihre Privatsphäre. Dieses Leben muss einfach erzählt werden!

Aber wirklich gut fühle ich mich mit diesem Buch erst, als ich erfahre, wie vielen anderen Eltern auf der ganzen Welt die Geschichte von January alias Jani geholfen hat. So viele Eltern meldeten sich bei der Familie Schofield und alle sagten den gleichen Satz: Und wir dachten, wir sind allein. Dass es weltweit noch viele andere Kinder mit frühkindlicher Schizophrenie gibt, die Probleme mit der Diagnose haben, macht deutlich, warum dieses Buch so wichtig ist. Nur so können andere Familien von den Erfahrungen der Schofields profitieren.

Das ungewöhnliche Kind January

Doch was sind die Erfahrungen? Zunächst hatten Susan und Michael einfach nur ein Baby das nie schlief. Dann begann es mit 8 Monaten zu sprechen (zum Vergleich: meine 9 Monate alte Tochter ist gerade bei Ga-Gaaaaaa). Mit 18 Monaten führte sie Gespräche mit Gleichaltrigen und wandte sich frustriert ab, wenn diese ihre Fragen nach Name und Wohnort nicht beantworten konnten.

Vor allem der wahnsinnig unruhige Geist und die hohe Intelligenz von Jani sind zu Beginn des Buches vorherrschende Themen. Aber auch die verschiedenen Figuren, die nur Jani sehen kann, und die ihr Leben beeinflussen, bestimmen den Familienalltag von Susan und Michael.

Die Situation wird jedoch untragbar, als der kleine Bhodi geboren wird. Jani versucht ihren Bruder mit solch blinder Wut zu verletzen, dass beide Eltern vollen Körpereinsatz zeigen müssen, um die Fünfjährige davon abzubringen. Oft nehmen Susan und Michael dabei selbst erheblichen Schaden. Eine Atmosphäre der Angst macht sich breit.

Die Logistik der Schofields erinnert mich an das Problem mit dem Bauern, der Kohl, Schaf und Wolf im Boot über den Fluss bringen will: Die Kinder können nur dann zusammen sein, wenn das Baby schläft, denn sobald es jammert oder weint rastet die große Schwester aus. Doch man weiß leider nie so genau, wann der kleine Bhodi aufwacht. Also muss man immer auf der Hut sein. Dazu kommt noch ein Hund, der sich nicht von Fremden führen lässt, auf den Jani aber schon bald ebenso heftig einprügelt. Susann und Michael jonglieren also nicht nur mit dem High-Need-Kind Jani, sondern auch mit zwei Autos, zwei Jobs, Babysittern für Bhodi und regelmäßigem Gassigehen mit dem Hund.

Erst nachdem Jani mehrfach versucht hat sich das Leben zu nehmen, unzählige Dinge zerstört hat und ihr Vater ruhig die heftigsten Attacken über sich ergehen lässt, weil er völlig abgestumpft ist, erbarmt sich ein Polizist. Dieser Mann setzt alle Hebel in Bewegung und Jani kommt endlich in das einzige Krankenhaus des Bundesstaates, indem man ihr helfen kann.

Das Leben mit einem schizophrenen Kind

Wir lernen viel über die bedingungslose Liebe eines Vaters zu seiner Tochter. Wir erfahren, was für eine schreckliche Krankheit Schizophrenie ist. Vor allem lernen wir aber, warum Amerika so dringend ein vernünftiges Krankenversicherungssystem brauchte (das Buch wurde 2012 veröffentlicht). Die Odyssee der Familie, bis January endlich endlich in der richtigen Klinik landete, ist schier nicht auszuhalten.

Noch während dem lesen des Buches googlete ich, wie es der Familie heute geht. Ich hätte einfach so viel Mitleid mit diesen unfassbar tapferen Eltern. Doch dann musste ich feststellen, dass nicht nur die Ehe der Schofields mittlerweile geschieden ist, auch das zweite Kind, Bhodi, hat eine (vermutlich) schizophrene Störung und dazu noch Autismus. Auch mit ihm ist der Alltag also unglaublich komplex und anstrengend. Leichter war das Leben nach dem Finden der passenden Medikation für January für die Eltern Susan und Michael also nur für kurze Zeit.

Das Buch Ich will doch bloß sterben, Papa von Michael Schofield ist bei Kösel erschienen und kostet 19,99€ (hardcover). Wir danken dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenfreien Rezensionsexemplares.

In den USA wurde die Familie mit der Dokumentation „Born shizophrenic“ bekannt. Die Eltern schreiben außerdem einen Blog und haben eine Stiftung gegründet. Auf YouTube findet man außerdem noch Sendungen mit Oprah Winfrey und andere kurze Szenen mit den Kindern.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. […] mehrfach Bücher besprochen, in denen Eltern von der Krankheit ihres Kindes erzählen (zum Beispiel Jani mit Shizophrenie und Willi mit […]

  2. […] mehrfach Bücher besprochen, in denen Eltern von der Krankheit ihres Kindes erzählen (zum Beispiel Jani mit Shizophrenie und Willi mit […]

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