Mythos Mutterschaft

Die deutsche Mutter

Die deutsche Mutter

Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, in welchem Buch ich in der Liste der weiterführenden Literatur den Hinweis auf „Die deutsche Mutter“ von Barbara Vinken entdeckt habe. Ich denke aber, dass es die Kriegskinder von Susanne Bode waren. Sie hatte dargelegt, wie viele Traumata und Störungen in einer ganzen Generation vorkommen und wie diese sich dann im Leben der Nachkommen weiter fortsetzen und auswirken. Barbara Vinken geht ganz ähnlich an ihr Thema heran: Wie wirken sich die Ideen zum jeweiligen Ideal Mutterschaft auf die Frauen der jeweiligen Zeit aus und welche Auswirkungen hat das jeweilige Ideal auf die Erziehung – also auch die Kinder und deren Einstellung zu Staat, Krieg, Kirche und dem Leben ganz allgemein.

In einem rasanten Ritt durch die Jahrhunderte legt Vinken dar, wie das Idealbild der deutschen Mutter entstanden ist. Bis heute berufen sich Konservative und „Familienschützer“ auf die traditionelle Rolle der Frau und die starke Bindung zwischen Mutter und Kindern. Dass dieses Ideal konstruiert ist und im Laufe der Zeit immer wieder zurechtgerückt wurde – wie es eben gerade passte – wurde mir erst durch dieses Buch klar.

Von Luther über Rousseau bis Pestalozzi und dann bis hin zum Nationalsozialismus: Die Frau hatte sich stets auf eine bestimmte Weise zu verhalten und war, mal mit längeren, mal mit kürzeren Ketten, ans Haus gefesselt. Begründet wurde das einmal damit, dass die Frau so dermaßen durchsexualisiert ist, dass man ihr um Gottes Willen doch nicht etwa politische oder finanzielle Entscheidungen anvertrauen könnte. Ein anderes Mal heißt es, dass nur die Mutter in der Lage ist, dem Kind – durch Worte und Muttermilch – Liebe und Tugend einzuflößen.

Alles in allem ist das Buch wirklich schwer zu ertragen, wenn man nur einen kleinen Funken Emanzipation in sich trägt. Vor allem die große Kraft, die durch die Schriften einzelner (Männer) entfacht wird, deren Ideen Jahrhunderte überdauern ist schier nicht auszuhalten, wenn es um so einen Quatsch wie Luthers Frauenbild geht.

Lesbar ist dieses Buch in weiten Teilen auch für LeserInnen, die nicht studiert haben. Hin und wieder wird es mit den zahlreichen Literaturverweisen, Zitaten und Anlehnungen etwas unübersichtlich, aber die Kernaussagen von „Die deutsche Mutter“ bekommt man in jedem Fall mit.

Dieses Werk ist keine Lektüre zur Entspannung und auch nicht für müde Augen vor dem Einschlafen geeignet. Aber niemand hat gesagt, dass Emanzipation leichter Stoff wäre.

Warum sich also mit dem Mythos Mutterschaft auseinandersetzen? Barbara Vinken will ihren Lesern klar machen, dass vieles, was wir an der Elternschaft für „natürlich“ halten, eigentlich konstruiert und argumentiert ist. Das nimmt uns Müttern eine große Last von den Schultern, wenn wir nicht dem idealisierten Bild der glücklichen, liebevollen Vollzeitmutti entsprechen. Gleichzeitig wird hier aber auch ein Vorwurf an die Politik gemacht, die bis heute ein Ausbrechen aus den „traditionellen“ Rollen durch zahlreiche Gesetze erschwert und verhindert.

Ich persönlich halte „Die deutsche Mutter“ für ein gutes Buch für Frauen, die sich bereits ein wenig mit Gleichberechtigung beschäftigt haben, oder die noch nicht genau herausfinden konnten, warum sie sich selbst in der idealisierten Rolle der Übermutter nicht wohl fühlen.

Die deutsche Mutter von Barbara Vinken ist im Verlag Fischer erschienen, umfasst 272 Seiten und kostet 12,95 €.

Please like & share:

Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.