Wenn Mama und Papa krank sind

Oft hören wir in den Medien von kranken Kindern, die tapfer ihr Schicksal meistern. Und auch wir hier im Blog haben schon mehrfach Bücher besprochen, in denen Eltern von der Krankheit ihres Kindes erzählen (zum Beispiel Jani mit Shizophrenie und Willi mit Down-Syndrom).

Maja Roedenbeck: Kindheit im Schatten

Maja Roedenbeck: Kindheit im Schatten

Doch es gibt auch den umgekehrten Fall: Kinder haben kranke Eltern. Um solche Familien geht es im Buch „Kindheit im Schatten“ von Maja Roedenbeck. Sie berichtet von ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern von Sucht über Psychische Störungen bis zu chronischer Krankheit. Allen Familien gemein ist, dass die Kinder viele Aufgaben übernehmen und oft eine Verantwortung tragen, die ganz und gar nicht kindgerecht ist.

Kindheit im Schatten von Maja Roedenbeck

Die Struktur des Buches ist mir nicht so ganz klar geworden, handelt es sich doch um eine bunte Mischung von Erfahrungsberichten, Zitaten, Studien und Experteninterviews. Mal kommen die Kinder selbst zu Wort (oder ihre Geschichte wird erzählt), meistens jedoch berichten die heute Erwachsenen rückblickend von ihrer Kindheit. Für mich hat es sich beim Lesen eher angefühlt wie ein Magazin. Das sagt nichts über die Qualität der weitergegebenen Informationen aus, hat bei mir aber dazu geführt, dass ich das Buch oft unterbrochen habe.

Wie geht es den Kindern kranker Eltern?

Die Belastung für die Kinder kranker Eltern besteht zum großen Teil daraus, im Haushalt mitzuhelfen und Aufgaben zu übernehmen, die normalerweise Erwachsene erledigen. Das umfasst in manchen Familien die komplette Haushaltsführung. In vielen Fällen kommt dann auch die Care-Arbeit für das kranke Elternteil dazu, wie die Hilfe bei der Körperpflege, das Abzählen von Tabletten oder das Verstecken von Bierflaschen. Außerdem kümmern sich diese Kinder auch um sich selbst. Melden sich ohne Hilfe im Sportverein an oder gehen allein zum Arzt um ja niemandem zur Last zu fallen.

Eines der größten Probleme ist aber in sehr vielen Fällen die Geheimhaltung. Oma darf nicht wissen, dass Mama trinkt, die Nachbarn sollen nichts von der Psychose des Vaters erfahren. Das Aufrechterhalten der Fassade kostet Kraft – bei allen Beteiligten. Und genau diese Geheimhaltung ist oft auch das, was viele betroffene Kinder rückblickend als besonders furchtbar empfinden. Denn eines verhindert das Schweigen ganz sicher: Dass Hilfe in den Haushalt kommt.

Langfristige Folgen für die Kinder

Die Belastung, die die Kinder aushalten müssen, hinterlässt bei etwa zwei Dritteln der Kinder (teilweise) schwerwiegende Störungen. So haben manche Erwachsenen durch die große Verantwortung in der Kindheit Probleme damit, sich fallen zu lassen oder zu entspannen. Andere können keine Partnerschaft führen oder eine Familie aufbauen. Es gibt auch Kinder, die als Erwachsene selbst Süchte entwickeln und in den gleichen Kreislauf geraten, wie ihre Eltern. Die Geschichten über Langzeitfolgen sind so zahlreich wie die Anzahl der Betroffenen Kinder groß ist.

Der Umgang mit der Krankheit innerhalb der Familie ist das entscheidende. Das ist für mich die große Erkenntnis aus „Kindheit im Schatten“. Geheimhaltung ist anstrengend, Unklarheit sorgt für Verwirrung der kindlichen Seelen, Scham ist in keiner Lebenslage hilfreich – für Kinder ist sie schrecklich.

Während der Kindheit fallen die Kinder kranker Eltern oft in eine von vier Rollen:

  • Held – fleißig, angepasst, hilfreich
  • Still – zurückhaltend, wenig Freunde, selbständig
  • schwarzes Schaf – „problematische“ Kinder, auffällig, störend
  • Clown – Bereitet allen Freude und muntert auf

Eindrücklich in Erinnerung geblieben ist mir der Bericht der großen Schwester über den kleinen Bruder. Sie selbst hatte sich intensiv um die Eltern gekümmert. Der kleine Bruder hatte nur Unsinn im Kopf und eckte immer wieder an. Sie bezeichnet ihn rückblickend als den Klügeren. Denn durch seine widerspenstige Art seien Pädagogen auf ihn aufmerksam geworden und er bekam Hilfe in Form von Zuwendung und Therapie. Später wurde er sogar in einem Internat untergebracht und ist dadurch der Hölle des Elternhauses entkommen. Die Erzählerin war darauf sehr neidisch.

Hilfe für die Kinder kranker Eltern

„Kindheit im Schatten“ befasst sich sehr intensiv mit den langfristigen Auswirkungen von kranken Eltern auf ihre Kinder. Damit einher geht natürlich, dass Maja Roedenbeck aufzeigt, wie man psychische Schäden verhindern kann. So werden in diesem Buch eben auch immer wieder Hilfsprojekte vorgestellt und erklärt, welche Faktoren sich günstig und welche sich ungünstig auf die Resilienz des einzelnen Kindes auswirken.

Was man in diesem Buch übrigens auch erfährt ist der aktuelle Stand bei der Forschung und bei dem Aufbau verschiedener Unterstützungsprojekte rund um die „Young Carers“, die die Kinder kranker Eltern im Fachjargon genannt werden. Roedenbeck nennt zahlreiche Studien und interviewed auch Experten aus dem Ausland um einen möglichst umfassnden Blick auf das Thema zu geben.

Das Buch „Kindheit im Schatten“

Mein persönliches Fazit ist, dass „Kindheit im Schatten“ den den Blick dafür öffnet, warum sich manche Menschen komisch verhalten. Man kennt ja ihre Vergangenheit nicht. Auch den lapidar hingeworfenen Satz „Der hatte wohl ’ne schwere Kindheit!?“ werde ich mir in Zukunft verkneifen. Durch dieses Buch habe erstmal erfahren was das eigentlich bedeutet.

Am beeindruckendsten fand ich, dass es wohl in Fachkreisen als erwiesen scheint, dass eine einzige verlässliche Bezugsperson für das betroffene Kind den Unterschied ausmacht wie es aus dieser anstrengenden Situation heraus kommt. Es gibt sogar ein Projekt, dass genau so eine langfristige Beziehung außerhalb der Familie in Form von Patenschaften anbietet. Für Nachbarn oder Angehörige von solchen Kindern scheint mir das eine wichtige Information zu sein.

Dieses Buch richtet sich an Betroffene, weil hier Lebenswege und Hilfsangebote aufgezeigt werden. Es geht auch oft darum, wie die verschiedenen Organisationen ihre Zielgruppe (also die Kinder) erreichen. Fast alle arbeiten da gerne übers Internet zB Chat oder Social Media. Und auch die Autorin Maja Roedenbeck ist über eine Webseite erreichbar. Auf KinderkrankerEltern finden sich außerdem zahlreiche weiterführende Informationen. Doch natürlich enthält auch das Buch eine tolle Liste von guten Maßnahmen für betroffene Familien (Seite 197ff,). Ebenso finden sich darin zahlreiche Verweise zu Webseiten und Internetforen.

Mein Exemplar von „Kindheit im Schatten“ habe ich einer Freundin versprochen, die im Jugendamt arbeitet. Familien mit kranken Eltern kennt sie natürlich. Vor allem die Liste der Hilfsprojekte hat sie neugierig gemacht.

Kindheit im Schatten von Maja Roedenbeck ist im Ch. Links Verlag erschienen und kostet 18,00€. Wir danken dem Verlag für die Zusendung eines kostenfreien Rezensionsexemplares.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

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