Die Party der Vorurteile

Familienalltag mit einem behinderten Kind.

Willi ist Behindert. Willi hat Trisomie 21. Seine Mutter Birte schreibt über den Familienalltag.

Vorurteile sind für unser Handeln in der Gesellschaft eine fundamentale Stütze. Sie helfen dabei, sich im Alltag zurecht zu finden und definieren soziale Situationen – soweit die Erkenntnis aus meinem Studium der Soziologie.

Die Frage, die in dem Buch „Willis Welt“ von Birte Müller aufgeworfen wird lautet:  Wie weit verlassen wir uns auf unsere sozial erlernten Vorurteile und wie weit entscheiden wir uns bewusst dazu, diese zu überschreiben und durch neue Erfahrungen zu ersetzen.

Birte Müllers Sohn Willi hat Trisomie 21. Das bedeutet, dass sein 21. Chromosom in jeder Zelle seines Körpers statt zweimal gleich dreimal vorhanden ist. Das führt zu verschiedenen körperlichen und geistigen Einschränkungen, die in ihrer Summe als Down-Syndrom bezeichnet werden.

Mittlerweile hat unsere Gesellschaft gelernt mit „solchen Kindern“ umzugehen. Man weiß, sie sind kommunikativ, meistens fröhlich und ein bisschen einfältig. Soweit die Vorurteile. Nun hat Willi aber noch weitere Einschränkungen, die dazu führen, dass er eben nicht sprechen kann. Und damit fällt er eben schon wieder raus aus der Schublade des lustigen Kindes mit Down-Syndrom.

Birte Müller kämpft also an mehreren Vorurteils-Fronten. So ist da die allgemeine Eltern-Front mit den Beschwerden über zu laute Kinder. Dazu kommt die Front des „Makels“ ein Kind mit Down-Syndrom geboren zu haben, schließlich hätte man „das“ doch schon vor der Geburt testen können. Dann muss sie sich von den Eltern von Kindern mit „echten“ Behinderungen anhören, sie hätte mit ihrem Willi ja ein Luxusproblem, schließlich habe er ja „nur“ das Down-Syndrom. Dann kommen da noch die Eltern „normaler“ Kinder, die zum Beispiel das Gleichgewicht im integrativen Kindergarten mit furchtbaren Argumenten scheinbarer Gerechtigkeit stören. Und zum Schluss möchte ich auch die Vorurteile gegenüber Müttern auf dem Arbeitsmarkt nicht unerwähnt lassen.

Diese Mutter hat jedenfalls meinen größten Respekt verdient. In „Willis Welt“ beschreibt sie sehr detailliert, wie der Alltag mit einem behinderten und einem nicht behinderten Kind funktioniert. Hier kann man viel über die unendliche Energie von Müttern lernen. Man kann vor Staunen den Mund offen stehen lassen oder ein Mitleidstränchen verdrücken.

Man könnte aus diesem Buch aber auch lernen, wie man es den Eltern von Kindern mit Down-Syndrom eben nicht noch schwerer macht, als sie es ohnehin schon haben. Man könnte aus diesem Buch herauslesen, wie viel Mühe es kostet, solchen Kindern das permanente Umarmen und Küssen fremder Leute abzugewöhnen (und selbst beim nächsten mal cool mit so einer Situation umgehen). Man könnte auch erfahren, auf welche Art und Weise man solche Familien im Alltag unterstützen kann (und das dann einfach mal tun). Und man könnte darauf schließen, wie unglaublich normal eine Familie mit einem behinderten Kind ist.

Ich habe lange überlegt, wer wohl die Zielgruppe für „Willis Welt“ ist. Eltern von Kindern mit Trisomie 21 sicher nicht. Die kennen das alles schon, was Birte Müller hier erzählt. Eltern von Kindern mit Normalsyndrom schon eher. Denn das sind diejenigen, die solche Familien wie die von Birte Müller in der Kita, im Kindergarten, in der Schule und bei Freizeitveranstaltungen treffen. Diese Eltern von Kindern mit Normalsyndrom sollten das Buch lesen. Ein gutes Geschenk ist das aber irgendwie trotzdem nicht. Das ist, als würde man dem Geburtstagskind sagen: „Ich bin der Meinung, Du solltest ein paar Vorurteile gegenüber Behinderten abbauen.“ Irgendwie gar nicht en Vogue…

Ich hoffe sehr, dass dieses Buch irgendwie den Weg zu einer großen Leserschaft findet und damit langfristig zu einer besseren Akzeptanz von Menschen mit Trisomie 21 in unserer Gesellschaft führt. Was ich mit meinem Exemplar von „Willis Welt“ mache, werde ich mir noch überlegen.

Das Buch "Willis Welt" von Birte Müller ist beim Verlag Freies Geistesleben erschienen, hat 228 Seiten und kostet 19,90 €. Vielen Dank für die Bereitstellung des Rezensionsexemplares!
Please like & share:

Das könnte Sie auch interessieren


Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. Das mir auch Aufklärung in bezug auf Trisomie wichtig ist, kannst du hier nachlesen: https://kellerbande.wordpress.com/2015/03/20/lotsofsocks-oder-welche-farben-haben-deine-socken/

    Ich freute mich sehr, das die erfolgreiche Hauptdarstellerin aus dem Film “Be my Baby”, Carina Kühne, spontan hier einen Gastbeitrag für meinen Blog bereitstellte.

    Lg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.