Rezension: Die vergessene Generation

Buchtitekl: Die vergessene Generation

Die vergessene Generation von Susanne Bode

Das Buch von Sabine Bode liegt schon seit einigen Wochen auf meinem Stapel ungelesener Bücher. Durch die Lektüre der Burnoutkids (hier geht es zu meinem Bericht) ist mir dieses Buch wieder ins Gedächtnis gekommen. Denn Schulte-Markwort beschreibt in seiner Analyse der Jugend, dass es viele Kinder gibt, die unter den Traumata ihrer Elterngeneration leiden, bzw. diese Aufarbeiten müssen. Das Buch von Sabine Bode schlägt in die selbe Kerbe. Eigentlich geht es hier um die Kriegskinder selbst, die Bombardierung, Vertreibung und Tod hautnah miterlebt haben. Doch immer wieder kommt Bode auch darauf zu sprechen, was all diese Schicksale für Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen haben.

Die vergessene Generation ist bereits 2004 erschienen. Ich selbt halte bereits die 7. Auflage in Händen (Erscheinungsjahr 2013). Das Buch ist ein SPIEGEL-Bestseller und wurde sicherlich schon millionenfach besprochen. Ich halte es für diesen Blog hier aber doch für ein wichtiges Buch. Zum einen, weil es so gut zu den Burnoutkids passt. Zum anderen aber auch, weil Bode hier sehr detailliert erklärt, was eigentlich mit unserer Eltern- und Großelterngeneration so loß ist. Warum ticken die, wie sie ticken? Und – noch viel entscheidender – wie sind auch wir jungen Eltern heute noch von den gesellschaftlichen Begebenheiten der 40er, 50er und 60er Jahre betroffen?

Es ist schwer, aus diesem großartigen Buch, das so gut und umfangreich recherchiert wurde, einzelne Punkte herauszugreifen. Ich will es aber trotzdem Versuchen.

Die Abwesenheit von Pubertät

Die vergessene Generation hangelt sich immer wieder an den Lebensgeschichten und Erzählungen einzelner Kriegskinder entlang. So ist da zum Beispel Helga Spranger, die erzählt, wie sie als Jugendliche im Lager gelebt hat. Sie berichtet davon, wie schwierig es war, hier die Pubertät zu erleben. So war es nicht möglich, sich irgendwie hübsch zu machen, gab es doch weder schöne Kleidung noch Schminke. Kein Friseur, kein Duft. Stattdessen Feldarbeit und der tägliche Kampf ums überleben. So kam es, dass hier junge Frauen erwachsen wurden, die nie gefliertet oder sich mit Jungs amüsiert hatten. Das weitere Leben war als Konsequenz daraus von Fleiß, Disziplin und Ehrgeiz geprägt.

Auch wenn wir heute in anderen Zeiten leben und unsere Kinder nicht in Lagern aufwachsen müssen – uns Eltern von heute sollte das zu denken geben. Vielleicht sollten wir über die eine oder andere „Spinnerei“ unserer Kinder hinwegsehen und sie nicht allzu hart für „jugendsünden“ ins Gericht nehmen. Eine fröhliche Jugend und eine ausgelebte Pubertät scheinen wichtige Voraussetzungen für ein ausgeglichenes, fröhliches Leben zu sein. Oder andersherum mit Helga Sprangers Worten: „Das ist so, als wenn ein Vogel nie gelernt hat zu fliegen.“

Das Vermächtnis der Johanna Haarer

Eines der schrecklichsten und zugleich erhellendsten Kapitel in Susanne Bodes Buch handelt von dem Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“. Das ist ein Standardwerk der Ärztin Johanna Haarer, die – als glühende Nationalsozialistin – den Deutschen erklärte, wie sie ihre Kinder zu erziehen hatten.

Dieses Buch ist eine Anleitung dazu, den neuen Erdenbürger zu einem möglichst gefügigen, gehorsamen Bürger zu erziehen. Es wird erklärt, das man sein Kind schreien lassen und es bloß nicht „verzärteln“ soll. Nach der Geburt mögen Mutter und Kind am besten erst einmal 24 Stunden getrennt bleiben. Schläge und körperliche Deisziplin sind durchaus in Ordnung und anerkanntes Mittel zum Zweck. Besonders einprägsam ist mir das Thema Sauberkeit im Gedächtnis geblieben. Nazi-Kinder waren oft mit einem Jahr schon trocken. Dieser beachtliche Wert wurde erreicht, indem man ihnen permanent erklärte, wie wiederwärtig und übelriechend ihre Ausscheidungen waren. Man muss nicht viel Küchentischpsychologie zusammenkratzen um sich zu überlegen, was das für das spätere Sexualleben dieser Kinder bedeutete.

Dieses Buch galt während dem Nationalsozialismus als Standardwerk und ist bis ins Jahr 1987 erschienen. Und bis heute spüren wir noch die deutlichen Auswirkungen dieser furchtbaren Ideologie. Welche Mutter hat noch nicht den Spruch gehört „Lass es doch ein bisschen schreien, das ist gut für die Lunge!“ oder „Mussst du das Kind schon wieder stillen? Gib ihm doch ein bisschen Wasser zwischendurch.“ oder „Ein kleiner Klaps hat noch keinem geschadet!“.

All das sind die Überbleibsel dieses Ratgebers, der bis heute noch seine Spuren in den Köpfen unserer Eltern und großeltern Hinterlassen hat. Ein Ratgeber, wegen dem wir uns also heute noch mit unseren Altvorderen in die Haare kriegen.

Mein Fazit

Mir persönlich hat die Lektüre von „Die vergessene Generation“ so viele Augen geöffnet, dass ich sicherlich noch einige Zeit über dieses Buch nachdenken werde. Vielleicht kann ich es ja auch meinen eigenen Großeltern noch zur Lektüre empfehlen. Denn zu erfahren, warum wir so sind, wie wir sind, ist ein hochspannendes Thema. Wir sind die Kriegsenkel – und auch über die hat Sabine Bode bereits geschrieben. Ich werde mir auch dieses Buch noch besorgen. Wir lesen uns.

Das Buch Die vergessene Generation von Sabine Bode ist beim Klett-Cotta Verlag erschienen. Es umfasst 303 Seiten und kostet 9,95 €. Wir danken dem Verlag für die Bereitstellung eines kostenlosen Rezensionsexemplares.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

Kommentare

  1. […] auf „Die deutsche Mutter“ von Barbara Vinken entdeckt habe. Ich denke aber, dass es die Kriegskinder von Susanne Bode waren. Sie hatte dargelegt, wie viele Traumata und Störungen in einer ganzen […]

  2. […] Die vergessene Generation von Susanne Bode […]

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