Bist Du etwa Schwanger?!?

Ich möchte heute etwas über Alkohol schreiben. Mein Mann und ich trinken nämlich gerne mal ein Gläschen. Schließlich schmeckt uns Alkohol und es macht Spaß, in geselliger Runde gemeinsam etwas Gutes zu trinken. Wir haben uns deshalb dazu verabredet, dann und wann einen alkoholfreien Monat einzulegen. Das machen wir etwa zwei mal im Jahr. Nach dem gleichen Prinzip machen wir etwa einmal pro Jahr einen fernsehfreien Monat – immer dann, wenn wir merken, dass die abendliche Runde auf der Couch zur Regel anstatt zur Besonderheit geworden ist.

Dass wir nicht Fernsehen merkt keiner. Aber dass wir ab und zu keinen Alkohol trinken, merken unsere Freunde natürlich schon. Und stets ist die erste Reaktion die Frage, ob ich etwa schwanger sei.

Was für ein Unsinn!

Zunächst frage ich mich natürlich, ob es den Menschen nicht in den Sinn kommt, dass es auch andere Gründe gibt, mal keinen Alkohol zu trinken. Mir fallen da spontan folgende ein:

  • Keine Lust auf Alkohol
  • Vorübergehende Medikamente
  • Krankheit
  • Lust auf einen „gesunden“ Tag/Monat
  • Solidarisches Nicht-Trinken mit dem Partner, Kollegen, Freund
  • Weil man mit dem Auto da ist
  • einfach so

Schwangerschaft ist nur eine Möglichkeit von vielen.

Die Frage „Bist Du etwa schwanger?!?“ stört mich so sehr, weil sie die betroffene Frau in Zugzwang bringt. Stellen wir uns mal kurz vor, dass eine Frau, die keinen Alkohol trinkt, tatsächlich schwanger ist. Dass niemand der Anwesenden davon weiß, hat gute Gründe. Vielleicht ist sie selbst noch nicht ganz sicher oder die Schwangerschaft hat die kritische Phase der ersten 12 Wochen noch nicht überdauert. Oder es hat persönliche/berufliche/andere Gründe, die Schwangerschaft für eine gewisse Zeit geheim zu halten. Im Grunde genommen ist es völlig egal, denn das ist die Sache der Frau.

Eine Frau, die keinen Alkohol trinkt, ist automatisch schwanger. Oder?

Eine Frau, die keinen Alkohol trinkt, ist automatisch schwanger. Oder?

Wird sie nun gefragt „Bist Du etwa schwanger?!?“, dann hat sie also zwei Möglichkeiten:

  1. Lügen
  2. Die Schwangerschaft bekannt geben

Beide Möglichkeiten sind unangenehm und machen klar, warum man mit dieser Frage einen furchbaren Druck auf die betroffene Frau ausübt. Denn Lügen (1) mögen die meisten Leute nicht so gerne – schon gar nicht, wenn sie dazu gezwungen werden. Und die Schwangerschaft bekannt zu geben (2) ist auch eine doofe Variante, da die Frau dann sofort im Mittelpunkt steht. Man kann davon ausgehen, dass sie selbst lieber einen anderen/besseren/intimeren Moment gewählt hätte, um diese Neuigkeit zu erzählen.

Und ich möchte noch einen anderen Blickwinkel zu diesem Thema hinzufügen: Alkoholverbot in der Schwangerschaft

Dass man auf Alkohol verzichtet, um dem Ungeborenen nicht zu schaden, wissen Schwangere in der Regel. Das ist eine der ersten Informationen, die man vom Frauenarzt bekommt, sobald dieser die Schwangerschaft bestätigt hat. Es ist vollkommen unnötig, Schwangere regelrecht „zu überwachen“ und permanent darauf hinzuweisen, dass sie nichts trinken dürfen. Als jemand, der noch nie schwanger war, kann man sich kaum vorstellen, wie hoch die Überwachung durch die Gesellschaft plötzlich ist – unnötigerweise.

Um einen Eindruck davon zu vermitteln, möchte ich eine Geschichte erzählen, die sich bei jeder (!) Schwangeren aus meinem Bekanntenkreis genau so zugetragen hat: Etwa in der ersten Zeit der Schwangerschaft bis spätestens in der Hälfte wacht man nachts schweißgebadet aus einem Albtraum auf. Der Inhalt: Man war auf einer Party und hat vergessen, dass man schwanger ist und deshalb aus Versehen Alkohol getrunken. Diese „Bedrohung“ ist so groß, dass sie sogar bis ins Unterbewusstsein und damit bis in die Träume vordringt.

Ich halte das für höchst bedenklich. Denn einerseits werden die Schwangeren durch die massive Überwachung der Umstehenden entmündigt. Andererseits werden sie aber auch ganz deutlich zu dem gemacht, was sie gesellschaftlich gesehen plötzlich sind: ein Ofen, der bitterschön keinen eigenen Willen und keine eigenen Bedürfnisse zu haben hat.

Natürlich ist es auch mir wichtig, dass Kinder vor der Geburt möglichst gut versorgt werden und mit möglichst wenigen Schadstoffen in Berührung kommen. Doch ich glaube, dass ein bisschen mehr Vertrauen in die Schwangere allen gut tun würde. Ein freundliches Gespräch ist immer besser als ein altkluger Ratschlag. Es sollten sich nicht jeder zum Anwalt des Kindes machen, der sich zufällig im Raum mit einer Schwangeren aufhält. Vielmehr wäre eine wohlwollende und liebevolle Begleitung angeraten. Sollte es nötig sein, kann man dann im Rahmen einer solchen Beziehung auf das Alkoholverbot aufmerksam machen – und wird damit sicherlich mehr Erfolg haben, als mit einem dummen Spruch, der auf einer Party quer durch den Raum gerufen wird.

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Lisa Figas

Lisa Figas ist Mutter von zwei kleinen Kindern und arbeitet in Teilzeit als Projektleiterin. Sie berichtet über die Erlebnisse aus dem Familienalltag und macht sich Gedanken zu der Gesellschaft, in die wir unseren Nachwuchs eingliedern. Außerdem befasst sich Lisa mit Büchern rund um das Thema Elternschaft und schreibt dazu regelmäßig Rezensionen hier auf HausHofKind.

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